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Veurteilung und Tod des Sokrates

Wenn die Sonne nicht mehr scheint

Vor genau 2400 Jahren, im Februar/März 399 v. Chr., spielte sich ein Ereignis ab, das für die weitere antike und europäische Geistesgeschichte von Bedeutung wurde: die Verurteilung des Philosophen Sokrates zum Tode durch ein athenisches Geschworenengericht zu Beginn des heiligen Festmonats Anthesterion und seine Hinrichtung durch den Giftbecher im Staatsgefängnis 30 Tage später.

Zum Jahresbeginn 399 v. Chr. erhob ein junger Mann namens Meletos, Sohn des gleichnamigen Tragödiendichters, Anklage gegen den 70jährigen Sokrates wegen Religionsfrevels beim Archon Basileus, dem zuständigen Jahresbeamten für die religiösen Angelegenheiten der Stadt. Der genaue Wortlaut der Anklage ist überliefert: „Sokrates tut Unrecht, indem er nicht die Götter verehrt, die die Polis verehrt, sondern andere, neue dämonische Wesen einführt; außerdem tut er Unrecht, indem er die Jugend verdirbt. Es wird die Todesstrafe beantragt.“ Der Anklagepunkt des Gottesfrevels und der Einführung „neuer dämonischer Wesen“ war ein leicht zu widerlegendes Konstrukt; schwerer wog dagegen der – als solcher formal nicht justiziable – Vorwurf, die Jugend Athens verführt zu haben und zu verführen.

Im Vorverfahren vor dem Archon Basileus waren lediglich die Gegenüberstellung von Kläger und Angeklagtem sowie eine formale Festlegung des Klagegegenstands vorzunehmen, außerdem mußte ein freier Tag im Gerichtskalender für die Verhandlung bestimmt werden. Der Gerichtshof aus 500 ausgelosten Geschworenen wurde erst am Morgen des Prozeßtags in einem komplizierten, jeden Manipulations- und Beeinflußungsversuch ausschließenden Verfahren konstituiert. Der uneingeschränkte Besitz des athenischen Bürgerrechts und ein Mindestalter von 30 Jahren reichten als Qualifikation für die Richtertätigkeit aus.

Meletos war nur Strohmann für den prominenten Politiker Anytos, der sich in der schweren Zeit nach der Kapitulation Athens am Ende des Peloponnesischen Krieges große Verdienste um die Wiederherstellung der attischen Demokratie erworben hatte. Bezeichnenderweise beteiligte Anytos sich vor Gericht als anerkannter „Unterstützer“ des Meletos persönlich an der Anklagevertretung; nach der Einschätzung in Platons „Apologie des Sokrates“ war sein Einfluß für den Schuldspruch gegen Sokrates sogar ausschlaggebend. Zu diesem Zeitpunkt war ein solcher Auftritt eines angesehenen Staatsmannes in Athen höchst ungewöhnlich; sonst erschienen die Demokratenführer nur vor Gericht, um sich mit beschwörenden Worten für die Einhaltung der Amnestie einzusetzen, die im Herbst 403 v. Chr. von dem neu konstituierten Bürgerverband feierlich beschworen worden war.

Nach der Intention der Ankläger sollte gegen Sokrates, nur notdürftig verschleiert, ein politischer Prozeß geführt werden, wie er sonst in der gespannten Atmosphäre des damaligen Athen nicht stattfinden konnte. Durch das unbeirrte, stolze Auftreten des Angeklagten vor dem Gerichtshof wurde daraus jedoch einer der größten Justizskandale und -morde der Weltgeschichte. In vielen historischen Darstellungen fällt von ihm ein tiefer Schlagschatten auf die gesamte Epoche der attischen Demokratie des 4. Jahrhunderts v. Chr.

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Von den Prozeßberichten mehrerer Sokrates-Schüler sind uns vollständig nur die Darstellungen Xenophons, der damals freilich nicht in Athen war, und Platons, der ausdrücklich als teilnehmender Augenzeuge erwähnt wird, erhalten geblieben. Bei einigen Unterschieden im Detail läßt sich aus ihnen doch ein Bild von den Vorgängen gewinnen: Sokrates ging in seiner improvisierten Verteidigungsrede in keiner Weise auf die Erwartungen und Eitelkeiten des Richtergremiums ein. Mit schneidender Ironie wies er alle Anschuldigungen zurück und beharrte auf seinem Recht zu freier Forschung und dialogischen Untersuchungen, um zu einer auf Selbsterkenntnis und strenger Rationalität basierenden neuen Werte-Ordnung zu gelangen. Damit habe er einen unschätzbaren Beitrag zu einer wahrhaft politischen Erziehung der athenischen Staatsbürger geleistet. Er verwies ferner auf Vorzeichen, die ihm persönlich gegeben worden seien, und auf die innere Gewissensstimme seines daimónion. Auch für seine tagtäglich unternommene Suche nach Wahrheit beruft er sich auf einen Wahrspruch des delphischen Orakels: Ihm schien, als diene er dem Gott (Apollon) als Vermittler, damit die Menschen einsähen, daß derjenige der Weiseste sei, der wie Sokrates versteht, daß er „nichts wert sei, was die Weisheit anbelangt“.

In der geheimen Abstimmung des Geschworenengerichts, die gleich nach den Reden von Klägern und Angeklagten durchgeführt wurde, ergab sich eine nicht sehr große Mehrheit von 280 gegen 220 Stimmen für einen Schuldspruch gegen Sokrates; eine differenzierte Würdigung des Tatbestands mit entsprechender Strafzumessung war nach dem starr formalisierten Prozeßrecht Athens nicht möglich. Da für „Gottesfrevel“ keine gesetzlich fixierte Strafe festgelegt war, mußte der Gerichtshof nach geltendem Recht in einer zweiten Abstimmung über die konkurrierenden Strafanträge entscheiden. Während die Kläger auf der Todesstrafe beharrten, war Sokrates – dem Bericht Platons zufolge – zwar bereit, eine Geldsumme als Strafe zu beantragen, für die seine anwesenden Schüler eifrig Bürgschaft versprachen. Aber er tat dies sehr zögerlich und nur unter dem Vorbehalt, daß er die Berechtigung des Schuldspruchs nicht anerkennen könne. Denn von Rechts wegen gebühre ihm als Wohltäter der Polis nicht eine Strafe, sondern die höchste Auszeichnung, mit der die Stadt einen Bürger ehren konnte: die Teilnahme am täglichen Mahl der obersten Amtsträger Athens im Prytaneion, dem Dienstgebäude des amtierenden Ratspräsidiums auf der Agora, wo sich auch der heilige Herd der Athener befand. Nun schlug die Stimmung unter den Geschworenen vollends gegen den Angeklagten um – 360 Richter votierten jetzt für die Todesstrafe. Xenophon allerdings berichtet, Sokrates habe gar keinen alternativen Strafantrag gestellt, weil dies bereits als ein Schuldanerkenntnis hätte gelten können.

Noch im Gerichtsgebäude wurde der Verurteilte in Fesseln gelegt und dann in eine Zelle des Staatsgefängnisses verbracht. Die üblicherweise rasche Vollstreckung des Todesurteils konnte jedoch aus rituellen Gründen nicht stattfinden, da die athenische Sakralgesandtschaft am Vortag zu dem großen Apollon-Fest im Heiligtum von Delos abgereist war und ihre Rückkehr von der heiligen Feier abgewartet werden mußte…

Prof. Dr. Gustav Adolf Lehmann

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