Die Toteninsel San Michele in Venedig Wie eine Fata Morgana - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Die Toteninsel San Michele in Venedig

Wie eine Fata Morgana

Die oberen Zehntausend ließen sich auch in Venedig am liebsten in den Kirchen bestatten, wo monumentale Grabmäler an sie erinnerten. Und das einfache Volk wollte zumindest neben den Kirchen beigesetzt werden, um die heiligen Fürsprecher in seiner Nähe zu wissen. Seit Napoleon ist alles anders: Seither führt alle Venezianer der letzte Weg auf die Toteninsel San Michele in Isola.

Einzigartig ist sie, die Toteninsel Venedigs, San Michele in Isola, einzigartig und idealtypisch zugleich. Weit draußen in der Lagune gelegen, wird die Insel von keiner lebenden Seele bewohnt. Wer sie besucht, der kommt entweder mit einem Vaporetto der Linie 12, um sich bald wieder von dort abholen zu lassen – oder er kommt für immer. San Michele in Isola ist wirklich eine Insel der Toten, und nur zu Ostern und am Totensonntag im November machen sich die lebenden Venezianer in Massen auf, um ihre Verstorbenen zu besuchen und die Insel für eine kurze Zeit in ein Blumenmeer zu verwandeln. In den übrigen Zeiten des Jahres erscheint San Michele von weitem, vom Ufer der Fondamente Nuove aus gesehen, fast wie eine Fata Morgana, mit ihrer strengen, schlichten Einfassung aus roten Backsteinmauern und den darüber emporstrebenden Zypressen.

Doch handelt es sich bei San Michele nicht nur um den einzigartigen Sonderfall einer Toteninsel, sondern – und zwar im Hinblick auf ihre Eigenschaft als Friedhof – auch um ein aufschlussreiches, weil allgemeingültiges Beispiel für die Entwicklung, die der Umgang mit den Verstorbenen im 19. und 20. Jahrhundert genommen hat. Denn erst seit dem 28. Juni 1813, als hier die sterblichen Überreste der Kammerzofe Maria Bosa beigesetzt wurden, gibt es ihn überhaupt, den venezianischen Zentralfriedhof. Zuvor waren die toten Venezianer auf den Kirchhöfen in der Stadt beigesetzt worden, und mancher Straßenname zeugt noch heute davon, wie etwa der „Campiello dei Morti“, der „Totenplatz“ bei der Kirche San Trovaso, oder die „Calle del Cimitero“, die „Friedhofsgasse“ bei San Francesco della Vigna.

Die Nähe der Friedhöfe zu den Kirchen war zwar in mancherlei Hinsicht unpraktisch, zumal in einer Stadt, in der Grund und Boden so knapp und kostbar waren wie in Venedig. Doch nach der christlichen Theologie war ebendiese Nähe der Verstorbenen zu den Heiligen von zentraler Bedeutung für das Seelenheil. Die Fürbitte der Heiligen, ihre intercessio bei Gott zugunsten der reuigen Sünder, war nach katholischer Gnadenlehre imstande, die Strafen des Fegefeuers zu verkürzen. Und da die Präsenz der Heiligen durch die in den Kirchen aufbewahrten Reliquien gesichert war, nimmt es nicht wunder, dass die Bestattung ad sanctos, bei den Heiligen, als unbedingt erstrebenswert galt.

Angehörige der gesellschaftlichen Führungsschichten bemühten sich folglich darum, nicht nur in der Nähe der Kirche, sondern im Kirchenraum selbst beigesetzt zu werden. Damit stießen sie zwar schon seit dem frühen Mittelalter auf den energischen Widerstand des Klerus, der es keineswegs gern sah, dass Laiengrabmäler den Kirchenraum verstopften. Und tatsächlich muss der Anblick (und nicht zuletzt der Geruch!) vieler Kirchen im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit aus heutiger Sicht gewöhnungsbedürftig gewesen sein. Häufig ragten die steinernen Grabplatten über das Bodenniveau hinaus, was die Bewegung in der Kirche zum Hindernislauf machte.

Anzeige

Großer Beliebtheit erfreuten sich Katafalke, die mit beträchtlichem Aufwand aus Gips und Leinwand errichtet wurden, da die Auftragsvergabe für ein Grabmal oft erst nach dem Tod durch die Hinterbliebenen erfolgte. Verzögerte sich dann die Fertigstellung des Grabmals oder wurde es überhaupt nicht errichtet – etwa weil die Familienangehörigen nicht das nötige Kapital besaßen oder zur Verfügung stellen mochten –, wurde aus dem Provisorium eine Dauerlösung von wenig reputierlichem Anblick. Isidoro Clario, Bischof von Foligno, kleidete seine Kritik an diesem Sachverhalt 1555 in die Form einer bitteren rhetorischen Frage: „Man achtet mehr auf die Ehre der weltlichen [Adels-]Häuser als auf diejenige der Kirche. Denn wer würde sein Haus zur Wohnstatt verwesender Kadaver machen?“ Noch drastischer hatte sich einige Zeit zuvor der Bischof von Verona Giovanni Matteo Giberti geäußert: „Wir verachten die Prachtentfaltung von einigen, die sich vermessen, Grabmäler zu errichten, die mit wunderbarer Kunstfertigkeit und größten Kosten hergestellt wurden … und nicht der Erde die Erde zurückgeben wollen; so dass selbst nach dem Tod des Fleisches die weltliche Hoffart fortdauert, während doch der Ort der Erde allein die Erde ist und es ganz gleich bleibt, ob der Körper sich in einem ehrenvollen Monument auflöst oder in einem elenden Loch im Boden stinkt.“

Es waren just die Jahre, in denen die Bischöfe Giberti und Clario ihre Klagelieder anstimmten, da man in den Kreisen katholischer Theologen grundsätzlich über die Grabmalsfrage nachdachte. Die prinzipielle Infrage‧stellung päpstlicher Autoritäts- und Herrschaftsansprüche, die im Zuge der Reformation nördlich der Alpen laut geworden waren, machte auch vor der Frage nach der Statthaftigkeit von Grabmälern im Kirchenraum nicht halt. Die Reformatoren standen den Erinnerungsmonumenten ablehnend gegenüber, wenngleich in unterschiedlichem Maß: Während der strenge Johannes Calvin jede Form von eitlem Grabmalspomp schärfstens verurteilte, zeigte sich Martin Luther zurückhaltender. Von Nutzen für das Seelenheil seien die Monumente zweifellos nicht, aber als weltliche Erinnerungszeichen könnten sie auch keinen Schaden anrichten und mochten also auch in Zukunft Bestand haben.

Mit dieser gelassenen Sicht der Dinge blieb Luther weit hinter der Strenge katholischer Reformkreise zurück. Das Konzil von Trient (1545 –1563) kam zwar in der Frage nach den Gräbern im Kirchenraum zu keinem verbindlichen Beschluss. Doch die Stellungnahmen der maßgeblichen Theologen und energischen Reformer unter den italienischen Bischöfen ließen keinen Zweifel daran, wohin die Reise gehen sollte: Schluss mit dem Pomp für die Toten, so der allgemeine Tenor. Der hochgebildete venezianische Patrizier Daniele Barbaro fasste 1556 weitverbreitete Ansichten in ebenso knapper wie eindeutiger Form zusammen: „Es ist nicht gutzuheißen, dass die Monumente oder Grabmäler sich in den Kirchen befinden, und doch werden sie in großer Form mit entsprechendem Ruhmesschmuck in den Kapellen errichtet, und an herausgehobenen Orten werden sie aufgebaut, höher als die Altäre selbst, und es werden Erinnerungszeichen daran angebracht …, man liest dort Dinge, die eher auf das Forum und den öffentlichen Platz gehören als in die Kirche.“

Allerdings stießen die Bemühungen, den Totenkult in den Kirchen einzuschränken, auf den energischen Widerstand der gesellschaftlichen Eliten, die auf der marmornen Inszenierung berühmter Vorfahren beharrten, auch und gerade in Venedig. Als der dortige Nun-tius, also der päpstliche Botschafter, Giovanni Antonio Facchinetti im Sommer 1566 angewiesen wurde, auf die Beseitigung von Grabmälern und Katafalken in den Kirchen zu dringen, war seine Antwort nach Rom eindeutig: Er wolle sein Möglichstes tun, doch müsse er darauf hinweisen, dass er bei der venezianischen Regierung mit diesem Wunsch wohl kaum Gehör finden werde, da sich die Familien der Dogen und allgemein des Patriziats in den Kirchen große Grabmonumente errichtet hätten. Es sei vermutlich leichter, die Regelungsansprüche der Inquisition durchzusetzen, ja selbst die Abschaffung einer Steuer von fünf Prozent auf kirchlichen Besitz, die in Venedig erhoben wurde, als den neuen Bestimmungen über marmorne Grablegen zu Wirksamkeit zu verhelfen. Im besten Fall könne man hoffen, dass es gelinge, die provisorischen Memoria-Inszenierungen, etwa hölzerne, mit Fahnen und Draperien bedeckte Särge, aus den Kirchen zu beseitigen.

Doch selbst diese Hoffnung erwies sich als allzu optimistisch. Im Gegensatz dazu gelangte im Venedig des späten 16. und des 17. Jahrhunderts eine besonders auffällige Form der Erinnerung an die Toten zur Blüte: In den sogenannten Fassadengrabmälern wurden die Schaufronten einiger venezianischer Kirchen zur unübersehbaren Projektionsfläche für die Memoria prominenter Vertreter des Patriziats. Bis heute stechen sie in Gestalt etwa der Kirchen San Moisè oder Santa Maria del Giglio dem Venedig-Besucher ins Auge.

Was den mächtigen Familien des venezianischen Patriziats recht war, musste den einfachen Venezianern billig erscheinen, die zwar nicht in großen Grabmälern innerhalb der Kirche, aber doch wenigstens in bescheidenen Gräbern auf den Kirch-höfen in der Nähe der verehrten Heiligen weiterhin ihre letzte Ruhestätte fanden. Dabei zeitigte die Nähe der Toten für die Nachwelt mitunter recht unerfreuliche Begleiterscheinungen, etwa wenn Hochwasser, acqua alta, halbverweste Leichname aufspülte und der Gestank um die Friedhöfe unerträglich wurde. Doch erst nachdem der venezianische Staat 1797 im Zuge der von der Französischen Revolution ausgelösten politischen Umwälzungen untergegangen war, änderte sich die Situation grundlegend. 1806, knapp zehn Jahre nachdem er der Republik Venedig ein Ende bereitet hatte, entschied Napoleon kurzerhand, dass die überkommenen Traditionen des Bestattungswesens nicht länger tragbar seien. Er forderte die Venezianer auf, sich Gedanken zu machen, wo ein Friedhof außerhalb des bewohnten Stadtgebiets einzurichten sei. Und als die Stadtregierung nach langem Hin und Her zu keiner Entscheidung kommen mochte, nahm der Kaiser sie ihr kurzerhand ab. Er bestimmte die winzige Insel San Cristoforo, von gerade einmal 30 Seelen bewohnt, zum neuen Friedhof, ließ die dort lebenden Menschen umsiedeln und die Insel von schweren Mauern einfassen, so dass sie nicht länger vom Hochwasser bedroht war.

Dieser Friedhof war so funktional wie schmucklos und damit typisch für die Zeit: Das bürgerliche Zeitalter, das mit der Französischen Revolution heraufkam, drängte den Tod und die Toten an den Rand – an den Rand der Aufmerksamkeit und, ganz praktisch, an den Rand der Städte. Insofern ist die venezianische Toteninsel nachgerade idealtypisch für eine ganz Europa betreffende Entwicklung. Schon bald erwies sich der neue Friedhof als zu klein, und so begannen die Venezianer, den etwa 80 Meter breiten canale, der San Cristoforo von der Nachbarinsel San Michele trennte, zuzuschütten. Auf dieser Insel befand sich seit dem frühen 13. Jahrhundert ein Eremiten-Kloster der Kamaldulenser, dessen Bewohner freilich in den Wirren des Revolu‧tionszeitalters nach Rom gezogen waren. Bis heute stellt das Kloster von San Michele in Isola – der Name der kleinen Nachbarinsel San Cristoforo wurde nach der Vereinigung aufgegeben – das architektonische Zentrum der Insel dar, obwohl sie an deren nördlichem Rand liegt.

Von diesem Zentrum ausgehend, entwickelten sich in der Folgezeit die Gräberfelder; und wie sie sich entwickelten, erscheint höchst aufschlussreich im Hinblick auf die Gesellschaft im bürgerlichen 19. Jahrhundert. Die Toteninsel Venedigs ist sauber gegliedert in genau abgegrenzte Zonen, bürokratisch nüchtern durchbuchstabiert von A bis Z, und jeder Bereich hat seine besondere „Klientel“. So gibt es den Bezirk der mehr oder minder bedeutenden Familien, die sich ein – im Vergleich zu früheren Zeiten freilich bescheidenes – Mausoleum leisten konnten. Es gibt den Bereich der Kindergräber, von den Venezianern liebevoll und ein wenig sentimental „Friedhof der Engelchen“, cimitero degli angioletti, genannt. Eine andere Zone ist Ausländern vorbehalten, die in Venedig verstarben oder hier beerdigt werden wollten. Kaufleute und Diplomaten sind darunter, aber ebenso Künstler, Komponisten und Schriftsteller. So fanden Igor Strawinsky, Ezra Pound und Joseph Brodsky, um nur einige Namen zu nennen, ihre letzte Ruhestätte auf San Michele in Isola. Und dann gibt es natürlich die Gräberfelder für die einfachen Venezianer, deren Grab nur ein bescheidenes Kreuz oder ein schlichter Stein kennzeichnet, an denen in aller Regel eine Fotografie des oder der Verstorbenen angebracht ist.

Meisterwerke der bildenden Kunst finden sich keine auf der Toteninsel Venedigs, und dennoch dürfte sie in ihrem einzigartigen Gegensatz zwischen prosaischem Ordnungssinn, mit dem die Gräberfelder angelegt wurden, und der phantastisch-unwirklichen Stimmung, die ihre Insellage beim Besucher hervorruft, zu den faszinierendsten Friedhöfen der Welt gehören.

Prof. Dr. Arne Karsten

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

as|the|nisch  〈Adj.; Med.〉 1 auf Asthenie beruhend, an ihr leidend 2 = leptosom ... mehr

Au|gen|mus|kel  〈m. 25; Anat.〉 der Bewegung des Augapfels dienender Muskel

Ide|a|lis|mus  〈m.; –; unz.〉 1 durch ethisch–moralische, nicht durch materielle Ziele bestimmte Anschauung u. Verhaltensweise, nach Idealen ausgerichtete Lebensführung 2 〈Philos.〉 Auffassung, dass es die Wirklichkeit nur als rein geistiges Sein gibt u. die Materie dessen Erscheinungsform ist ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige