Ausbildung in spätmittelalterlichen Frauenklöstern „Wie in einem Rosengarten erzogen“ - wissenschaft.de
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Ausbildung in spätmittelalterlichen Frauenklöstern

„Wie in einem Rosengarten erzogen“

Die besondere Nähe der Nonnen zu Gott erhöhte die Wirksamkeit ihrer Gebete und Fürbitten und prädestinierte sie zu Mittlerinnen zwischen Gott und den Menschen. Ihre Stellung als Bräute Christi sicherte ihnen zugleich einen hohen Rang innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft. Welcher Weg führte im 15. Jahrhundert für ein Mädchen ins Kloster?

Gegen Ende des 15. Jahrhunderts begann eine Zisterzienserin des Heilig-Kreuzklosters vor den Toren Braunschweigs die Ereignisse ihrer Klosterzeit aufzuzeichnen. Über 20 Jahre lang, von 1484 bis 1507, beschrieb sie Außergewöhnliches und Alltägliches, ehe sie 1507 vermutlich – wie Zweidrittel ihrer Gemeinschaft – an der Pest starb. Mit der Schilderung, wie die Pest die ersten Todesopfer im Kloster forderte, brechen ihre Aufzeichnungen mitten im Satz ab. Es war für die Nonne nicht einfach, sich den Beschreibstoff zu verschaffen. Sie schabte zunächst die Pergamentblätter eines kleinen Gebetbuchs ab, um sie nochmals verwenden zu können, und das von vornherein minderwertige Pergament riß nun an vielen Stellen ein. Einige Seiten nähte sie aus kleinen Pergamentresten zusammen oder verwendete die Rückseite alter Papierbriefe. Erstaunlicherweise wählte die Braunschweiger Zisterzienserin für ihre Aufzeichnungen nicht das Niederdeutsche, ihre Muttersprache, sondern Latein, obwohl sie mit der Fremdsprache sichtlich Schwierigkeiten hatte.

Ihre Schilderungen geben einen lebendigen Einblick in das Leben der spätmittelalterlichen Nonnen, und der Blickwinkel aus der Innenperspektive läßt Verhältnisse und Personen sichtbar werden, die sonst keinen Niederschlag in den Quellen fanden: Konflikte innerhalb der Gemeinschaft und deren oft mühsame Lösung, die Ängste, die die Nonnen bei heraufziehenden Fehden bewegten, oder auch das unglückliche Ende des Klosterkalfaktors Hinrik Mus, der beim Anfeuern der Klosterheizung erstickte. Den Erfahrungshorizont der Autorin begrenzten die Klostermauern, und die Erzählungen lassen erkennen, daß die Nonnen des Kreuzklosters in strenger Klausur lebten. Im Laufe einer Fehde mußten die Zisterzienserinnen 1492 ihr Kloster verlassen und vorübergehend in die Stadt ziehen. Erschüttert notierte die Autorin, nie habe sie von ihren Vorgängerinnen gehört, daß ihnen dergleichen zugestoßen sei.

Diese und andere ungewöhnliche Ereignisse wollte sie zur Information nachfolgender Generationen schriftlich festhalten, zudem war ihr wichtig weiterzugeben, was der Konvent aus Unkenntnis oder Unbesonnenheit falsch gemacht hatte: „Und das habe ich aufgeschrieben, damit die Nachfolgenden nicht jedes Wort glauben,“ mahnt sie, als das Kloster Schwindlern aufgesessen war, die ihnen aufgeschwatzt hatten, weit entfernt wohnende Adelige wollten eine große Stiftung am Kreuzkloster tätigen; während sich nämlich der Klosterpropst auf die beschwerliche Reise zu diesen Adeligen begab, erfreuten sich die Überbringer der Nachricht einige Tage der klösterlichen Gastfreundschaft. Auch das unbesonnene Herauslaufen einzelner Nonnen aus der Klausur, als nachts ein Feuer ausbrach, will sie für die Zukunft vermieden wissen: Mit etwas mehr „Gottvertrauen“ hätte das Verlassen der Klausur – vor allem in Nachtkleidung – vermieden werden können. Immer wieder kommt zum Ausdruck, daß die Schreiberin empfand, in einer Zeit unvorhersehbarer Veränderungen zu leben, zu deren Bewältigung die Aufzeichnungen beigetragen haben mögen.

Als die junge Zisterzienserin 1484 mit der Niederschrift begann, hatte sie wohl vor noch nicht allzu langer Zeit Profeß abgelegt. Wie hatte ihre Klosterausbildung bis dahin ausgesehen?

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Die Aufnahme und Ausbildung des Nachwuchses nahm im Leben der Klostergemeinschaften breiten Raum ein. Anders als bei ihren Altersgenossinnen, die in der Regel heirateten, erforderten die geistlichen Aufgaben der Nonnen eine gründliche Schulbildung, die neben Lesen und Schreiben vor allem die Einübung des Chorgesangs umfaßte. Im Laufe des 15. Jahrhunderts hatte die im norddeutschen Raum vom Benediktinerkloster Bursfelde ausgehende Klosterreform in vielen Frauenklöstern ein regeltreues Konventsleben und die Einhaltung der strengen Klausur durchgesetzt. Die Bursfelder Reformbewegung legte zudem Wert darauf, daß nicht nur die Mönche sondern auch die Nonnen Latein beherrschten. Die in den Klosterarchiven überlieferten Quellen zeugen davon, daß die Nonnen in Wienhausen, in Lüne, Ebstorf und Braunschweig jetzt überwiegend lateinisch schrieben. Diese Sprachkenntnisse erschlossen ihnen nicht nur die Meßliturgie sondern auch die Schriften der Kirchenväter und die aktuelle theologische Literatur. Salutis ad preludium (Vorspiel zum Seelenheil) / sit artis nobis studium (sei uns die Wissenschaft) /, wolan die scryft vorstan (recht die Schrift zu verstehen), / quo sine stat in ocio (ohne die, oh weh, im Müßiggang) / claustralis heu devocio (verharrt die klösterliche Frömmigkeit) / nicht lesen is ovel dan (nicht lesen ist schlecht getan) – so schrieben die Zisterzienserinnen in Wöltingerode gegen Ende des 15. Jahrhunderts auf das erste Blatt eines alten Pergamentcodex ihrer Bibliothek. Die Ausbildung in der Klosterschule nahm mindestens fünf, häufig aber sechs oder mehr Jahre in Anspruch, so daß die Mädchen bereits in einem Alter in die Klosterschule aufgenommen wurden, das der heutigen Schulpflicht entsprach.

Die lange und recht strenge Klosterschulzeit unterschied die Ausbildung der zukünftigen Nonnen grundlegend von der Erziehung weltlicher Mädchen, die häufig weder Lesen noch Schreiben lernten. Da aber in der spätmittelalterlichen Gesellschaft die Schriftlichkeit zunehmend eine Rolle spielte, wünschten nun viele Familien auch für diejenigen Töchter eine Klostererziehung, die heiraten würden, und sie waren sogar bereit, dafür zu zahlen. Für die Nonnenkonvente hingegen stellte dieses Ansinnen ein Problem dar. Klösterliche Erziehung bedeutete nicht zuletzt auch eine Disziplinierung der Mädchen für ein gemeinsames Leben auf engstem Raum. In der Praxis mußte ein enges Zusammenleben zwischen Mädchen, die zum Klostereintritt entschlossen oder vorgesehen waren, und solchen, die in das weltliche Leben zurückkehren wollten, um zu heiraten, zu Verunsicherung und Auseinandersetzungen führen. In die Zeit der Ausbildung fiel in den meisten Fällen die Pubertät, ein wichtiger und an sich schon spannungsreicher Lebensabschnitt, in welchem die unterschiedlichen Lebenswege kaum miteinander zu vereinbaren waren. Um die Disziplinierung der Klosterschülerinnen nicht zu gefährden, versuchten die Klosterreformatoren daher beharrlich, den Zutritt weltlicher Mädchen zum Kloster nur aus Erziehungsgründen zu unterbinden. Männliche Klosterkandidaten konnten auf der Lateinschule oder der Universität die notwendigen Kenntnisse und eine theologische Grundbildung erwerben, bevor sie Mönche wurden. Frauen hingegen standen solche Bildungseinrichtungen praktisch nicht zur Verfügung. Die Ausbildung des Nachwuchses fiel somit ganz in die Verantwortung der Klosterkonvente, die viel Sorgfalt auf die Erziehung der Mädchen verwendeten. Diese Mühe konnte man im Grunde nur für den eigenen Nachwuchs aufwenden, so daß die exklusive Erziehung gleichzeitig eine frühe verbindliche Bestimmung zum geistlichen Leben förderte: Die Aufnahme der Mädchen im Kloster mußte folglich recht früh und zudem möglichst in der Gewißheit erfolgen, daß sie ein geistliches Leben führen würden…

Dr. Eva Schlotheuber

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