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Der Stand der Forschung

Wie sich der Blick auf den Krieg verändert

Auch für Spezialisten ist die Forschung zur Geschichte des Ersten Weltkriegs seit langem kaum noch überschaubar. Unser Autor Wolfgang Kruse gibt einen Überblick über Schwerpunkte und Entwicklungen. Das Bild auf der Startseite (Ullstein Bild/Süddeutsche Zeitung Photo/Scherl) zeigt britische Soldaten 1916 auf dem Schlachtfeld an der Somme.

Politikgeschichte: Internationales System, Kriegsschuld, Folgen.

Der Erste Weltkrieg ist lange vor allem unter politikgeschichtlichen Perspektiven betrachtet worden. Dabei hat sich die Erforschung der europäischen „Urkatastrophe“ (George F. Kennan) besonders mit diesen Fragen beschäftigt: mit den expansiven Kriegszielprogrammen aller beteiligten Länder, den Bündnisentwicklungen, den begrenzten Möglichkeiten für einen Verständigungsfrieden, mit dem Kriegsausgang und mit der Einbeziehung der außereuropäischen Welt in diesen im Kern europäischen Konflikt. An erster Stelle aber stand immer wieder die Frage nach den Ursachen des Krieges und wie er letztlich ausgelöst wurde, kurz: die Kriegsschuldfrage. Im Gefolge der durch die Forschungen des deutschen Historikers Fritz Fischer in den 1960er Jahren entbrannten „Fischer-Kontroverse“ hat eine beachtliche Mehrheit der Historiker über viele Jahre die gut begründete Auffassung vertreten, dass Deutschland und sein Verbündeter Österreich-Ungarn die Hauptverantwortung für die Auslösung des Krieges trugen. Jüngst regte nun die Untersuchung von Christopher Clark („Die Schlafwandler“) über die Beteiligung der gesamten europäischen Diplomatie am Kriegsbeginn neue Diskussionen an.

Innenpolitisch ist für alle Länder insbesondere die Frage nach dem Verhältnis zwischen Militär und ziviler Politik intensiv untersucht worden. Für Deutschland rückte vor allem die „verdeckte Militärdiktatur“ der dritten Obersten Heeresleitung unter den Generälen Hindenburg und Ludendorff in den Mittelpunkt. Und während die Forschung mit Blick auf die parlamentarisch regierten westlichen Staaten trotz aller politischen Verschiebungen doch die Kontinuitäten der verfassungspolitischen Ordnung betont hat, erlebten die monarchisch regierten Reiche Mittel- und Osteuropas, zuerst 1917 Russland und dann 1918 Deutschland sowie Österreich-Ungarn, als Kriegsverlierer am Ende revolutionäre Umstürze. Deren Ursachen hat die Wissenschaft in der Kriegspolitik und auch in den gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Kriegszeit ausgemacht.

Sozial- und Gesellschaftsgeschichte: Kriegsgesellschaft.

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Seit den ausgehenden 1960er Jahren wandte sich die Forschung zunehmend sozial- und gesellschaftsgeschichtlichen Themen zu. Dabei trat die besondere Dynamik der Kriegsgesellschaft in den Vordergrund, stilbildend etwa in Arthur Marwicks 1965 veröffentlichter Studie „The Deluge“ (wörtlich: „Die Flut“), die den beschleunigten Wandel der englischen Gesellschaft im Krieg thematisierte. Nicht zuletzt die Kriegswirtschaft rückte in den Mittelpunkt vieler Untersuchungen, für Deutschland vor allem in Gestalt der Grundlagenstudie Gerald D. Feldmans über „Armee, Industrie und Arbeiterschaft“ im Ersten Weltkrieg (1966). Erweiternd kam 1973 Jürgen Kockas Pionierarbeit über die deutsche „Klassengesellschaft im Krieg“ hinzu, die auf methodisch vorbildliche Weise allgemeine soziologische Theoriebildung für empirische historische Forschung nutzbar machte. Im Ergebnis konnte Kocka zwar deutliche Tendenzen zur Ausbildung einer Klassenspaltung der deutschen Kriegsgesellschaft feststellen, aber auch viele gegenläufige Entwicklungen. Als wesentliche Ursache für die Revolution von 1918 erkannte Kocka schließlich den fortschreitenden Schwund der Loyalität gegenüber einem obrigkeitlich geprägten Interventionsstaat, der sich mit seinem Kriegsengagement selbst überfordert hatte.

Geschlechter- und Familiengeschichte: Rolle der Frauen.

Die sozialgeschichtliche Forschung „nach Kocka“ hat viele der von ihm aufgeworfenen Themen weiterverfolgt. Neben Fragen nach der Entwicklung von Arbeiterschaft und Arbeiterbewegung wurde im Zeichen der sich entwickelnden Geschlechtergeschichte vor allem die Rolle der Frauen in der Kriegsgesellschaft thematisiert, das heißt an der „Heimatfront“. Ausgehend von Ute Daniels Pionierstudie über Arbeiterfrauen, erwies sich die überlieferte Vorstellung, der Krieg habe die Erwerbsarbeit der Frauen vorangetrieben und sei somit quasi „Vater“ der Emanzipation, schnell als fragwürdig. Stattdessen rückten die kriegsbedingten Belastungen und Zumutungen für Frauen in den Mittelpunkt, aber auch die geschlechterpolitischen Diskussionen, deren Hauptströmung eher auf eine Wiederherstellung der traditionellen, durch den Krieg in Auflösung geratenen Geschlechterordnung zielte. Schließlich gerieten mit den Familien auch die Bedingungen, Belastungen und Prägungen einer vaterlosen „Kriegsjugendgeneration“ in den Blick der Wissenschaftler.

Alltagsgeschichte: „Egodokumente“.

Am Rand und in Auseinandersetzung mit der Sozialgeschichte entwickelte sich, getragen nicht zuletzt von Geschichtswerkstätten und anderen Basisinitiativen, seit den ausgehenden 1970er Jahren die sogenannte Alltagsgeschichte. Ihr Interesse an den Erfahrungen und Handlungen konkreter Menschen führte, was den Ersten Weltkrieg angeht, schon früh zur Veröffentlichung und Auswertung von „Egodokumenten“. Dabei handelte es sich vor allem um Kriegstagebücher, persönliche Briefwechsel und rückblickende Erinnerungen an die Kriegszeit, während die mündliche Überlieferung („Oral History“) angesichts des zeitlichen Abstands zu den Ereignissen keine zentrale Rolle mehr spielte. Auf Grundlage solcher Quellen sind vermehrt Forschungsarbeiten über die Entwicklung ganzer Familien und ihre Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs angefertigt worden.

Kulturgeschichte und neue Militärgeschichte: Erfahrungen der einfachen Soldaten.

Seit den 1990er Jahren wird auch der Erste Weltkrieg zunehmend unter kulturgeschichtlichen Perspektiven betrachtet. Dabei haben nicht zuletzt historisch arbeitende Literaturwissenschaftler wie Paul Fussel, Klaus Vondung und Bernd Hüppauf eine wichtige Rolle gespielt. Neben Forschungen über die Kriegsideologien, die Kriegspropaganda und die Massenkultur der Kriegszeit wurde so auch eine Erneuerung der Militärgeschichte angestoßen. Nachdem sich diese lange spezifisch militärischen Fragestellungen gewidmet hatte, interessierten sich Wissenschaftler nun verstärkt für die Kriegserfahrungen der einfachen Solda‧ten. Vor allem die zu Milliarden zwischen Front und Heimat hin und her geschickten Feldpostbriefe gewannen dabei eine neue Bedeutung als zentrale Quellengattung. Die Bedingungen und Bedeutungszusammenhänge dieser Kommunikationsform hat Bernd Ulrich in einer grundlegenden Studie ausgelotet. Inhaltlich stehen vor allem die Gewalterfahrungen der Soldaten, ihre Kampfmotivation und Formen der Verweigerung, ihre psychischen Erschütterungen, aber auch die sozialen Beziehungen an der Front sowie zwischen Front und Heimat im Mittelpunkt.

Mehrschichtige Ansätze: Massenstimmung und Mythen.

Viele Fragestellungen, Perspektiven und Themen der neueren Geschichtsforschung zum Ersten Weltkrieg liegen schließlich im Spannungsfeld von politik-, sozial- und kulturgeschichtlichen Ansätzen. Neben der deutschen, österreichischen und bulgarischen Besatzungsherrschaft in West- und Osteuropa zählt dazu auch die Massenstimmung bei Kriegsbeginn, die im Zeichen geschichtsmächtiger Mythen lange unhinterfragt als umfassende nationale Kriegsbegeisterung gedeutet wurde. Differenziertere Studien über Phasen, Räume, Trägergruppen und Ausprägungen unterschiedlicher Massenstimmungen haben diese Vorstellung inzwischen relativiert. Der „Mythos“ des August-Erlebnisses wurde aber, wie Jeffrey Verhey gezeigt hat, besonders in Deutschland propagandistisch verbreitet und so auch längerfristig zu einem antidemokratischen Bezugspunkt nationaler Identität.

Grenzübergreifende Perspektiven: Weg von der nationalen Betrachtung.

Schließlich ist der Erste Weltkrieg als internationales Ereignis schon immer ein bevorzugter Gegenstand internatio‧naler Forschung gewesen. Während auch dabei jedoch lange nationale Betrachtungsweisen dominiert haben, rücken in der letzten Zeit andere Perspektiven in den Vordergrund. Für die vermehrt durchgeführten, national vergleichenden Studien bietet sich dieser Krieg nicht zuletzt deshalb an, weil er die beteiligten Nationen vor strukturell ähnliche Probleme gestellt und ihre Problemlösungsversuche damit gut aufeinander beziehbar gemacht hat. Dazu treten vermehrt auch nationenübergreifende Fragestellungen hervor, etwa in den Arbeiten des seit 1992 von deutschen, englischen und französischen Historikern getragenen Ausstellungs- und Forschungszentrums „Historial de la Grande Guerre“ in Péronne oder in dem inter‧nationalen Projekt „1914 –1918 online“, das 2014 eine Vielzahl von Beiträgen ins Netz stellen wird.

Prof. Dr. Wolfgang Kruse

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