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Faszinierende Figuren: Wolf Wondratschek über Albert Schweitzer

„Wie stark und zäh dieser Mann sein musste“

Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft sprechen über historische Gestalten, die sie beeindruckt haben. In dieser Ausgabe: der Schriftsteller Wolf Wondratschek über den Arzt Albert Schweitzer.

Seit wann beschäftigen Sie sich mit Albert Schweitzer?

Wolf Wondratschek: Intensiv beschäftigt habe ich mich nie mit ihm, sollte es aber nachholen. Ich war neun Jahre alt und mit nichts anderem beschäftigt als mit mir und der Hoffnung, meine kleine Kraft möge ausreichen, um mich gegen die Welt meines Elternhauses zu behaupten. Und da tauchte dieser alte Mann auf.

Wie kamen Sie auf ihn?

Durch eine Zeitung in unserem Wohnzimmer, die „Badischen Neuesten Nachrichten“, die ich eher aus Langeweile durchzublättern begann. Ein einziger Artikel und dazu ein Foto erschienen mir interessant. Das war meine erste Begegnung mit Albert Schweitzer. Ich habe nach der Lektüre, auf dem Bett liegend, noch nie so lange zur Decke gestarrt wie an diesem Abend. Einschlafen ging nicht, weil ich viel zu aufgeregt war. War das nicht die Chance, die Schule zu schmeißen und abzuhauen? Ich überlegte, wie es für mich möglich sein könnte, mich nach Afrika durchzuschlagen. Am nächsten Tag erbat ich von meiner Mutter ein Briefkuvert, in das ich mein Taschengeld legte, einen Zehnmarkschein, schrieb als Adresse: Dr. Albert Schweitzer, Lambarene, Afrika drauf und warf ihn in den Briefkasten.

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Was hat Sie an Schweitzer beeindruckt?

Es war sein Gesicht! Und die Story dazu. Eine Krankenstation im afrikanischen Dschungel. Ein Arzt, der ein Philosoph war. Ein Philosoph, der Orgelkonzerte gab. Ein Menschenfreund, der sich nicht als Heiliger aufspielte. Ein Mann, nachdenkend über die Wahrheit des Lebens – das aber nicht am Schreibtisch, sondern unter Palmen, unter dem Sternenhimmel der Unendlichkeit. Wie stark und zäh dieser Mann sein musste. Wie verlockend: Menschen so lieben zu können wie er, Verzicht auf allen Komfort, an etwas glauben können! Ein Mann, einen Tropenhelm auf dem Kopf, der alle Tage im Morgengrauen aufstand, tat, was zu tun war, und nachts las, nachdachte und schrieb. Dann kam ein Film in die Kinos: „Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer“. Ich war danach unansprechbar glücklich, ein Zustand, den ich nicht kannte.

Haben Sie ihn als Vorbild empfunden?

Es gab keinen Menschen, den ich mehr bewundert habe. Jahre später, als Student eingeschrieben in Heidelberg für das Studienfach Philosophie, bin ich noch einmal einem Menschen begegnet, der eine ähnlich starke Wirkung auf mich hatte, Hans-Georg Gadamer, dessen Vorlesungen ich hörte. Er hat mich an meine kindliche Begeisterung für Albert Schweitzer erinnert, an die beeindruckende Bescheidenheit eines Menschen, der tief zu denken und sehr leise zu sprechen verstand.

Kritiker haben Schweitzer dennoch auch eine „koloniale Mentalität“ vorgeworfen …

Mich brachte keine Kritik an Albert Schweitzer, soweit ich sie überhaupt mitbekam, dazu, die Größe dieses Mannes, die Einzigartigkeit seiner vielen Talente, die Wucht seiner bloßen Existenz anzuzweifeln. Was mich bis heute ärgert, ist, wie abfällig der russisch-amerikanische Schriftsteller Vladimir Nabokov, den zu lesen und zu bewundern ich nicht aufhören kann und will, sich über Dr. Schweitzer mokiert hat.

Interview: Dr. Winfried Dolderer

Wolf Wondratschek geb. 1943, deutscher Schriftsteller (Lyrik, Prosa, Hörspiele). Aufgewachsen in Karlsruhe, lebt heute vorwiegend in Wien. Jüngste Werke unter anderem die Romane „Mittwoch“ (2013) und „Selbstbild mit russischem Klavier“ (2018).

Albert Schweitzer (1875 – 1965), deutsch-französischer Arzt, Philosoph, Theologe, Organist, Musikwissenschaftler, Pazifist. Erwarb zwischen 1899 und 1913 drei Doktortitel in Philosophie, Theologie und Medizin. 1913 Gründung des Urwaldhospitals in Lambarene (Gabun), wo er sich 1924 auf Dauer niederließ. 1953 Friedensnobelpreis.

 

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