Interview mit Professor Reinhard Schulze Wo wir den Islam mißverstehen - wissenschaft.de
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Interview mit Professor Reinhard Schulze

Wo wir den Islam mißverstehen

Seit dem 19. Jahrhundert gibt es die Konstrukte „Orient“ und „Okzident“. Sie basieren auf sehr unterschiedlichen Geschichtsbildern, was bis heute für unseren Blick auf die islamische Welt nachhaltige Folgen hat.

?Die Probleme moderner islamischer Gesellschaften werden häufig damit erklärt, daß dem Islam die Aufklärung fehle. Gab es eine Aufklärung im Islam?

Gab es eine Aufklärung im Christentum? Ist Aufklärung überhaupt innerhalb eine religiösen dogmatischen Systems möglich? Oder richtet sich Aufklärung nicht immer gegen eine Religion? Weder für das Christen- noch für das Judentum stellt Aufklärung meines Erachtens eine innere Logik der jeweiligen Religion dar. Das gilt auch für den Islam. Ich glaube nicht, daß der Islam als Religion eine Aufklärungsprogrammatik enthält. Historisch betrachtet ist Aufklärung immer ein Prozeß der Selbstvergewisserung des Menschen gewesen – auch gegen den Welterklärungsanspruch der Religion.

?Lassen Sie mich anders fragen: Gab es in islamischen Gesellschaften Menschen, die den Wissensanspruch der religiösen Institutionen nachhaltig kritisiert haben?

In der islamischen Tradition des 17. und 18. Jahrhunderts hat es das sicherlich gegeben, in Ansätzen auch schon früher. Es läßt sich nur schwerer verorten als in der christlichen Tradition, die wir vor allem deswegen so gut kennen, weil das Christentum stark institutionalisiert ist und Kritik daher immer stark an den Institutionen geführt wurden – an Machtinstitutionen, religiösen Ämtern, Bischöfen, die in der Politik mitgemischt haben, Kardinälen, die Außenminister waren: Man drängte den konkreten Machtanspruch konkreter Institutionen zurück. In der islamischen Tradition – wie auch im Judentum – existieren diese aber nicht. Die Frage nach der Aufklärung muß diese konkrete Tradition berücksichtigen und darf nicht von christlichen Bedingungen ausgehen.

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?Ihr französischer Kollege Alexandre del Valle vertritt die Ansicht, der Islam sei seit dem 11. Jahrhundert kriegerisch und reformfeindlich, zudem wissenschaftlich, philosophisch und intellektuell verkümmert. Das ist wirklich Blödsinn. Ich bin überrascht, daß heutzutage diese alten Argumente, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und im Grunde auf Ernest Renan zurückgehen, wieder aufgegriffen werden. Jedenfalls ist es sicherlich nicht belegbar.

?Wie kommt so ein Bild zustande?

Es hängt sicherlich damit zusammen, daß islamische Geschichte für uns vielfach dann endet, wenn sie uns nicht mehr als islamische Geschichte begegnet, sondern als Reichsgeschichte – etwa der Osmanen, der Moguln oder der Safawiden in Iran. In dem Moment, indem das Konzept einer Einheit der islamischen Welt verschwindet, schwächt sich auch unsere Wahrnehmung einer islamischen Kulturgeschichte ab.

?Was tut also not? Wo liegen die Defizite bei unserem Blick auf den Orient?

Ich denke man muß sich die Mühe machen, auf der einen Seite die Entwicklungsgeschichte der islamischen Religion zu sehen und auf der anderen Seite, davon nicht unbedingt getrennt, aber doch als eigenständigen Bereich, so etwas wie eine Wissens- oder Ideengeschichte; aus der westlichen Geschichte kennen wir das sehr gut kennen. Da aber hapert es. Das liegt vor allem daran, daß die wissenschaftliche Tradition über Jahrzehnte hinweg vor allem darum bemüht war, die Ursprünglichkeit der islamischen Religion wieder herzustellen; alle spätere Entwicklung wurde damit automatisch zu Abweichung. Dieses Geschichtsbild ist völlig konträr zu demjenigen, das wir von der eigenen Geschichte haben: Hier stellen wir die Entwicklungsgeschichte in den Vordergrund, interpretieren alles Vergangene auf den Jetzt-Zustand hin, dort stellen wir die Ursprünglichkeit in den Mittelpunkt. Dadurch ist die gesamte Geschichte auf den Kopf gestellt worden.

?Sehen nur wir den Orient so? Oder auch dieser sich selbst?

Das Eigene und das Fremde ist gar nicht mehr zu trennen. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es eine gemeinsame Beschreibung von Orient und Okzident, ohne kulturelle Grenze. Aber es gibt die Konstrukte „Orient“ und „Okzident“, und diese basieren genau auf diesen sehr unterschiedlichen Geschichtsbildern. Und so kommen wir, da es keine Ideengeschichte der islamischen Welt gibt, zu der Vorstellung, da bräche etwas ab.

?Wird deswegen so gern mit dem Begriff der Stagnation operiert?

Genau, das ist dann das Stagnationsbild, die Antithese zum Westen, die seit dem 19. Jahrhundert ausformuliert worden ist. Wir wissen daher sehr viel über die islamische Frühgeschichte, sind bestens informiert über das 9. und 10. Jahrhundert, auch über die Ideengeschichte, die Philosophie usw.; unser Wissen schwindet aber, sobald es in Richtung Neuzeit geht. Für die Zeit vom 16. bis zum 19. Jahrhundert ist unser Wissen über die islamische Welt praktisch auf politische Ereignisse reduziert. Dieses Geschichtsbild war im 19. Jahrhundert so normativ, daß auch die Muslime es übernommen und dann sogar noch religiös begründet haben: Ja, wir wollen zurück zur Ursprünglichkeit. Das ist das eigentliche Drama.

?Sie sagen, das Wissen sei verschwunden. Läßt es sich wieder hervorholen?

Dabei steht man vor einem Problem. Man wird es nie schaffen, eine Historiographie zu entwickeln, die äquivalent ist zu dem, was wir in der westlichen Historiographie kennen. Das liegt sicherlich daran, daß sich der Westen über 200 Jahre andauernd mit sich selbst beschäftigt, andauernd seine eigene Geschichte neu geschrieben hat. Und die muslimischen Historiker haben seit dem 19. Jahrhundert im Grunde auch nur europäische Geschichte geschrieben und sich nicht mehr mit ihrer eigenen beschäftigt. So fehlt der ganze Diskurs über die Geschichte, der es erlauben würde zu unterscheiden: was ist wichtig, was ist unwichtig. Bei der Aufklärungsfrage wird das sehr deutlich. Als man versuchte zu zählen, wie viele Texte in Europa aufklärungsrelevant waren und in wie vielen die Aufklärungsprogrammatik nicht enthalten war, kam man auf ein Verhältnis von eins zu tausend. Aber wir wissen von diesem einen Promille, weil wir es dauernd tradiert haben. Und wir berufen uns immer wieder auf die Basistexte der Aufklärung – letztlich sind es etwa 13, 14 Texte. Diese Selektion im historischen Gedächtnis, die dazu führt, eine Identität zu entwickeln, diese Selektion ist in der islamischen Welt heute nicht mehr machbar.

?Hat sie früher stattgefunden?

Intern bis ins 18. Jahrhunderte durchaus, da fand die Selektion noch statt. Aber im 19. Jahrhundert bezog sich das historische Wissen nicht mehr auf die eigene Geschichte, sondern auf Weltgeschichte, auf Frankreich und England, Amerika…

?Man liest immer wieder, daß es in der islamischen Welt per se keinen Pluralismus gebe und der Islam einen Totalitätsanspruch verfolge.

Der Islam ist eine Religion! Und als Religion hat er erst einmal eine andere Aussage wie die Welt.

?Aber man sagt: In islamischen Ländern bilden Religion, Staat und Gesellschaft eine unauflösliche Einheit. ?Die Vorstellung, daß Staat und Religion eine Einheit bilden, stammt etwa von 1840, aus dem Osmanischen Reich. Vorher hat sich damit nie jemand beschäftigt. Es hat zwar immer wieder Moralisten gegeben, die sagten: Herrschaft muß der Religion dienen, aber es gibt kein Dogma in der islamischen Rechts- oder allgemeinen Geschichte, welches das Verhältnis von Staat und Religion normativ betrifft. Die Frage wurde erst dann relevant, als Leute im 19. Jahrhundert behaupteten, Religion und Staat dürften in der islamischen Welt nichts mehr miteinander zu tun haben: der Einfluß der Mullahs und Ajatollahs sei zu groß, das religiöse Wissen dürfe nicht mehr das Weltwissen dominieren. Darauf reagierten andere mit der Forderung: Wir dürfen die Religion nicht aus der Gesellschaft ausschließen, wir müssen den Staat und die Gesellschaft wieder miteinander in Beziehung bringen – und dies gelingt über die Religion. Das ist eine sehr moderne Perspektive.

?Zurück zur Aufklärung. Nähern wir uns dieser Frage möglicherweise falsch?

Ich denke, wir machen ein christliches Problem zu einem islamischen, wenn wir Aufklärung vor allem so formulieren, daß sie den christlichen Erwartungen entspricht. Stattdessen sollten wir die interne islamische Tradition berücksichtigen. Wenn man dann Aufklärung faßt als Versuch, über die Religion mittels der Welt aufzuklären und nicht mehr, wie es die Religion tut, mittels der Religion über die Welt aufzuklären, wenn man das so allgemein faßt, dann wird man in der islamischen Tradition spätestens seit dem 13., 14. Jahrhundert fündig. Es gibt da vehemente Advokaten für die Position: Religion ist etwas so Menschliches und von Menschen Geschaffenes, daß über die Religion entweder im Sinne eines starken Deismus oder weitergehend im Sinne einer negativen Theologie oder gar eines Agnostizismus aufgeklärt wurde.

?Was für Reaktionen provozierten derartige Ansichten?

Das ist alles viel weniger spektakulär. Da die islamische Welt keine religiösen Institutionen kennt, gibt es auch keine großen Machtkämpfe. Ein Beispiel: Als das kopernikanische Weltbild in der islamischen Welt rezipiert wurde, gab es praktisch, bis auf einen einzigen Fall, keine Diskussionen darüber. Der Mufti von Timbuktu hat, 1720 glaube ich war es, in einem Rechtsgutachten auf die Frage: Ist es für einen Muslim rechtens zu glauben, daß sich die Erde um die Sonne dreht, geantwortet: Das ist uns doch egal, ihr könnt glauben was ihr wollt, Hauptsache ihr glaubt an Gott. All die Dramen der europäischen Geschichte – Ketzerprozesse, Galileo Galilei, der dann abschwören mußte – gibt es in der islamischen Entwicklung nicht.

?Das bedeutet aber auch, daß unsere Einschätzung, die islamische Welt kenne keinen Pluralismus, falsch ist.

Die Ausdifferenzierung in den religiösen und den nicht-religiösen Wissenskulturen der islamischen Welt ist sehr breit. Das heißt, es gibt eine interne plurale Verfassung des Wissens, die ist noch breiter angelegt als in der christlichen Tradition. Vor allem gab es weniger Sektenbildungen als im Christentum, das heißt es kam nicht immer gleich zu abgeschlossenen Gruppen, die dann für sich die Wahrheit reklamierten.

?Und die Intensität der wechselseitigen Ablehnung scheint geringer gewesen zu sein.

Weit geringer. Natürlich gab es das auch. Es gab immer wieder Monopolansprüche. Was ich beschrieben habe ist die faktische plurale Organisation. Die Frage ist: Ergab sich daraus auch die Bejahung einer pluralen Verfassung? Da unterscheiden sich die Traditionen. Es gibt viele muslimische Gelehrte, die bis ins 18. Jahrhundert hinein beklagten, daß die Muslime andauernd mit verschiedener Zunge sprächen. Und es gibt sehr viele, ich möchte sagen: die Mehrheit der Theologen und Juristen, die sagten: Es ist ein Vorteil für die islamische Welt, daß sie über konkurrierende Aussagen in der Religion verfügt, denn der Widerspruch, der Dissens ist gleichwertig mit dem Konsens. Das ist eine ethische Maxime. Der Prophet hat ja in einer Tradition gesagt, daß sich seine Gemeinde in 73 Gruppen spalten wird, hat dies also sogar vorhergesehen. Daß Pluralismus als negativ empfunden wird, ist eigentlich auch erst in der Neuzeit relevant geworden…

Marlene P. Hiller

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