Der Sieg über Napoleon in einem russischen Gemälde „Zeit, den Jungen zu bremsen“ - wissenschaft.de
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Der Sieg über Napoleon in einem russischen Gemälde

„Zeit, den Jungen zu bremsen“

Der Sieg über Napoleon, der schmähliche Rückzug der „Grande Armée“ aus Moskau wurde zum russischen Mythos. Im Gedenken an den „Vaterländischen Krieg“ rückte man im Laufe der Zeit allerdings ganz unterschiedliche Helden in den Mittelpunkt – den Zar, die Generäle und schließlich auch die Bauern.

Mit diesen Worten kommentierte der russische Feldmarschall Alexander Suworow schon 1796/97 den raschen Aufstieg des jungen französischen Generals Napoleon. Es dauerte allerdings noch viele Jahre bis es gelang, Napoleon zu besiegen. Einen Wendepunkt seiner Karriere bedeutete dann der Versuch des Jahres 1812, Moskau einzunehmen. Als Napoleon später auf die Ereignisse zurückblickte, stellte er resigniert fest: „Ich hätte sofort nach dem Einmarsch in Moskau sterben sollen.“ Was war passiert? Wie war es möglich, daß die größte bis dahin aufgestellte Armee eine so vernichtende Niederlage erlitt, daß sie gedemütigt und in Lumpen gehüllt von russischen Bauern abgeführt wurde, wie der Maler Illarion Michajlowitsch Prjanischnikow (1840–1894) es im Jahre 1874 dargestellte? In der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1812 überschritt Napoleon mit 500000 Mann den Njemen, die polnisch-russische Grenze bei Kovno. Die Russen, mit nur 230000 Soldaten deutlich unterlegen, entschieden sich für den Rückzug: Sie setzten auf die Weite ihres Landes und wichen dem Feind aus. Erst in Borodino, kurz vor Moskau, kam es zur „Schlacht der Giganten“, wie Napoleon sie nannte. Obwohl ihm kein vollständiger Sieg gelang, rückte er weiter auf Moskau vor. Doch auch die Hauptstadt hatten die Russen kampflos geräumt, mit dem Ziel, die Franzosen auszuhungern. Deren Versorgungslage wurde in der Tat von Tag zu Tag schlechter. Hinzu kam ein Brand, von dem bis heute ungeklärt ist, wer ihn gelegt hat. Er führte schließlich dazu, daß die Besatzung zusammenbrach. „Schau die halbwilden Türme Moskaus / vor Dir in Kränzen ihres Goldesbrennens in der Sonne… Aber leider in der Sonne Deiner Niederlage!“ Mit diesen Worten beschrieb Lord Byron den Anfang vom Ende der napoleonischen Vorherrschaft. Der französische Kaiser wandte sich nun erstmals an den Zaren, um Verhandlungen aufzunehmen. Doch Alexander I. blieb standhaft. Nach 34 Tagen erfolglosen Wartens mußte Napoleon Anfang Oktober den Rückzug anordnen. Schnelle militärische Aktionen der Russen versperrten ihm den südlichen Weg. Es blieb also nur die Nordroute, welche die Franzosen allerdings schon auf dem Hinweg geplündert hatten. Hinzu kam der hereinbrechende Winter. Ständige Kämpfe mit der russischen Armee sowie den Partisanen brachten die Franzosen an den Rand völliger Erschöpfung. Bald war von der „Grande Armée“ nur mehr ein ungeordneter Haufen frierender und hungernder Soldaten übrig.

Mit nur 30000 Mann erreichte Napoleon Wilna, unmittelbar gefolgt von der russischen Armee. Alexander sah in seinem Sieg eine Bestätigung seines religiös motivierten Sendungsbewußtseins. Er setzte sich an die Spitze der 1813 in die Völkerschlacht von Leipzig mündenden Befreiungskriege, um Napoleon endgültig aus Europa zu vertreiben. Dessen Prophezeiung „über Rußland bricht das Verhängnis herein – seine Bestimmung geschieht!“ erfüllte sich damit auf eine Weise, die für Napoleon selbst schicksalhaft war: Zar Alexander sollte als „Retter Europas“ vor dem Franzosen in die Geschichte eingehen. Schon die Zeitgenossen waren davon überzeugt, daß der Sieg Rußlands als nationaler Mythos überdauern würde. Bis heute ist der „vaterländische Krieg“ für jeden Russen ein Höhepunkt des patriotischen Geschichtsbewußtseins, nur übertroffen durch den „Großen Vaterländischen Krieg“, den Zweiten Weltkrieg. In Gedichten und Liedern wird die Geschichte lebendig gehalten. Schon Alexander Puschkin schrieb über Napoleon: „Lob! Er zeigte dem russischen Volke das hohe Los / und verkündete der Welt die ewige Freiheit aus der Finsternis der Verbannung…“. Leo Tolstoi widmete der Epoche der napoleonischen Kriege seinen berühmten Roman „Krieg und Frieden“. Im Winterpalast in St. Petersburg entstand eine Kriegsgalerie mit 332 Porträts russischer Generäle. Die Jubiläen der Schlacht bei Borodino wurden immer wieder feierlich begangen, es gab Pläne für ein Museum und bis heute erinnern Ausstellungen, wie etwa „Napoleon Bonaparte – Zar Alexander I. Epoche zweier Kaiser“ im Staatlichen Historischen Museum Moskau, an das Ereignis.

Auch die russische Kunst machte den Krieg von 1812 zu ihrem Motiv. Der Maler Wassilij Wereschtschagin zum Beispiel widmete ihm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Zyklus von 20 Gemälden. Es handelte sich dabei, wie bei den meisten Darstellungen russischer oder auch westeuropäischer Künstler, um klassische Schlachten- und Historiengemälde, und sie stellten in der Regel die Niederlage Napoleons und seiner Armee dar. Anders das Ölgemälde Prjanischnikows, das eher an ein Genrebild erinnert: Sein Thema ist das Heldentum der einfachen russischen Bevölkerung, ihr Patriotismus und die Liebe zur russischen Heimat. Mit dieser Sicht war Prjanischnikow der erste, der die Rolle des einfachen Volkes in diesem Krieg in einem Gemälde zum Thema machte.

Die Darstellung zeigt eine lange Reihe gefangener Soldaten und Offiziere der napoleonischen Armee, die unter der Aufsicht russischer Partisanen über die verschneite Ebene ziehen. Es sind traurige Überreste der einstigen Helden, geplagt durch Erschöpfung und Frost. Die russischen Bauern, Frauen ebenso wie Männer, sind mit Heu- und Mistgabeln sowie Beilen bewaffnet. Die Frau, die dem Betrachter den Rücken zuwendet, hält in der linken Hand ein vergoldetes Gewand und eine Ikone, die sie den französischen Plünderern abgenommen hat. Neben den Sträuchern finden sich Getreidebündel der letzten Ernte in der Landschaft – ein Hinweis auf den Reichtum der russischen Erde im Gegensatz zu den hungernden Kriegsgefangenen…

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Dr. Kristiane Burchardi

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