Conrad Veidt und Veit Harlan Zweimal Jud Süß - wissenschaft.de
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Conrad Veidt und Veit Harlan

Zweimal Jud Süß

1934 und 1940 entstanden zwei absolut konträre Filme – ein britischer und ein deutscher – über den württem-bergischen Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer, besser bekannt als Jud Süß. In beiden spielte deutsche Schauspielerprominenz die Hauptrolle.

Veit Harlan und Conrad Veidt gehören zur Blütezeit des deutschen Theaters und Films in der Weimarer Republik. Der 1893 geborene Veidt war bereits prominent (er war Hauptdarsteller in „Das Kabinett des Dr. Caligari“), der sieben Jahre jüngere Harlan begann dagegen erst, sich auf der Bühne einen Namen zu machen. Als Hitler an die Macht kam, schlugen sie ganz unterschied?liche Wege ein. Harlan war ein Opportunist, machte seinen Frieden mit dem Regime und wurde als Filmregisseur berühmt. Später gehörten er und seine zweite Frau Hilde Körber zum Freundeskreis von Goebbels. Conrad Veidt hingegen, der gerade seine jüdische dritte Frau, Lily Prager, geheiratet hatte, nahm eine Rolle in dem britischen Film „I was a Spy“ an und verließ Deutschland im April 1933. Als er nach Deutschland zurückkehrte, stellten ihn die Nazis unter Hausarrest, um zu verhindern, daß er die Hauptrolle in dem geplanten britischen Film „Jew Suess“ übernähme. Veidt konnte Deutschland dann doch verlassen. Und als er die Rolle in „Jew Suess“ annahm, wurde der Bruch mit seinem Heimatland unwiderruflich.

Sechs Jahre später ließ sich Harlan von Goebbels zur Regie von „Jud Süß“ überreden – dem berüchtigtsten, aber auch einem der erfolgreichsten Filme, die unter der Ägide des NS-Propagandaministeriums entstanden. Conrad Veidt war zu dieser Zeit bereits nach Hollywood übergesiedelt und spielte 1942 in „Casablanca“ den deutschen Major Strasser – in der angelsächsischen Welt wohl seine bekannteste Rolle. Er erlag 1943 im Alter von nur 50 Jahren einem Herzinfarkt. Harlan dagegen wurde nach dem Krieg wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt – vor allem wegen seiner Beteiligung an „Jud Süß“ –, dann aber freigesprochen. Die Filme über Joseph Süß Oppenheimer stellen so eine – wenn auch eher zufällige – Verbindung zwischen diesen bedeutenden Schauspielern dar.

Jud Süß ist der bekannteste der deutschen Hofjuden des 17. und 18. Jahrhunderts, zugleich aber auch der am wenigsten repräsentative; seine öffentliche Präsenz, sein aristokratischer Lebensstil, seine galanten Abenteuer sowie der dramatische Aufstieg und Fall zwischen 1733 und 1737 waren keineswegs typisch für Hofjuden. Diese waren Bankiers, Makler, Kommissionäre und versorgten viele der in den deutschsprachigen Ländern regierenden Fürsten – angefangen beim Kaiser – in Friedenszeiten mit Kredit und Waren, in Kriegszeiten mit Militärbedarf. Ihre wirtschaftliche Bedeutung war beachtlich, und als diplomatische Agenten und Informanten konnten sie zudem eine wichtige politische Rolle spielen. In der Regel agierten sie lieber im Hintergrund, denn ihre Stellung barg große Risiken. Man kann sie als Katalysatoren im Wandel vom feudal organisierten Territorial- zum modernen Staat interpretieren, aber manchmal waren sie eben für weniger bedeutende Fürsten auch das Instrument, ihren Untertanen Geld abzupressen, um über ihre Verhältnisse leben zu können. Ein besonderer Fall war Jud Süß auch wegen der außergewöhnlichen Situation in Württemberg. Die Verfassung dieses vorwiegend protestantischen Herzogtums beließ viel Macht und finanzielle Kontrolle in den Händen der Stände und beschränkte so die absolute Herrschaft der Fürsten. Charles James Fox, der Führer der Whigs (der Vorläufer der Libe?ralen) im britischen Parlament, be?merkte einmal, es gebe in Europa nur zwei Verfassungen: die britische und die württembergische. Die Verfassung machte das süddeutsche Land aber nicht wirklich zur frühen Version eines liberalen Staats, vielmehr gab sie einen Teil der Macht in die Hände einer im allgemeinen korrupten Oligarchenclique. Jud Süß war der Berater und Finanzagent Herzog Karl Alexanders geworden, eines Generals in öster?reichischen Diensten, der zu einem Zweig des herzoglichen Hauses gehörte. Der Herzog diente unter Prinz Eugen im Türkenkrieg und im Spanischen Erbfolgekrieg, stieg zum Feldmarschall auf und war österreichischer Statthalter in Serbien. Seinen österreichischen Herren zu Gefallen konvertierte er zum Katholizismus. Bis er 1733 unerwartet das Herzogtum Württemberg erbte, hatte er stets unter Geldnot gelitten, war dann aber entschlossen, seine wirtschaftlich daniederliegende Herrschaft zu einer wichtigen Macht mit einer bedeutenden Armee zu machen.

Zweifellos half Jud Süß Karl Alexander sehr beim Mehren seiner Einkünfte, doch ist den Historikern noch immer nicht klar, inwieweit er Initiator oder nur Exekutor der herzoglichen Politik war. Die Stände zu umgehen und immer mehr Geld aus dem Volk zu pressen war nicht populär, und ein großer Teil der Feindseligkeit richtete sich gegen den Hofjuden. Zwischen Jud Süß und seinem Herrn bestand ein ungewöhnlich enges Band, das sich zuletzt aber gelockert zu haben scheint – vielleicht, weil Jud Süß den angeblichen Plan, das Land gewaltsam zum Katholizismus zurückzuführen, mißbilligte. Am Vorabend dieses Coups starb der Herzog plötzlich, was der Legende zufolge von allerlei geheimnisvollen Ereignissen begleitet war. Jud Süß wurde sofort verhaftet und dann in einem dunklen Verlies in Ketten gelegt. Man klagte ihn des Hochverrats, der Unterschlagung und des Verstoßes gegen die Verfassung an. Er und einige hochgestellte Frauen, mit denen er Beziehungen unterhalten haben sollte, wurden hochnotpeinlichen Verhören unterzogen. Als sich seine Gesundheit und die Aussicht auf ein Überleben verschlechterten, fand er, der in besseren Tagen wenig religiöse Neigungen gezeigt hatte, zum jüdischen Glauben zurück und widerstand allen Bekehrungsversuchen. Im Februar 1738 wurde er in einem rot bemalten Käfig zum Galgen hochgezogen und vor einer großen Menschenmenge hingerichtet. Diese Geschichte bot sich zur Legendenbildung und literarischen Ausschmückung geradezu an.

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Am bekanntesten war lange eine Novelle, die der romantische Dichter Wilhelm Hauff 1827 veröffentlichte. Jud Süß war als Schurke dargestellt, was nicht ohne antisemitische Untertöne möglich war. Hauff beschreibt aber zugleich, wie Jud Süß brutal vernichtet wurde, während viele andere Schurken davonkamen, und gibt so auch dem Mitgefühl Raum. Er war entsetzt, daß die Justiz in seinem Heimatland kaum ein Jahrhundert zuvor so offensichtliches Unrecht hatte begehen können, und befürwortete die Emanzipation der Juden…

Prof. Dr. Edgar Feuchtwanger

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