Residenzmuseum im Celler Schloss Zwischen Zeremoniell und Intimität - wissenschaft.de
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Residenzmuseum im Celler Schloss

Zwischen Zeremoniell und Intimität

Eine modern inszenierte Geschichte des Residenzschlosses und seiner Bewohner erwartet den Besucher im reizvollen Celle. Hier kann man die Besonderheiten des höfischen Lebens im Barock verstehen lernen.

Das Residenzmuseum in Celle, das es seit 2007 gibt, hat aus der Not eine Tugend gemacht. Zwar ist es in einem Barockschloss untergebracht, doch anders als bei anderen Schlossmuseen musste man damit umgehen, dass zwar die Räumlichkeiten noch existieren, die ursprüngliche Raumausstattung aber nicht erhalten ist. Barocke Pracht kann den Besucher also nicht überwältigen, und gegen die historistischen Möbel, mit denen im 19. Jahrhundert das Schloss ausgestattet wurde, hat man sich auch entschieden. Das Museumskonzept setzt stattdessen klugerweise ganz auf exemplarische Anschauung und erklärendes Verstehen. Was macht eine Residenz aus? Welches Verhältnis bestand zwischen Schloss und Stadt, und wie lebte es sich bei Hofe – auf diese und andere spannende Fragen kann man in Celle eine Antwort finden.

Das Celler Schloss geht auf eine Burganlage zurück, die die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts in eine Residenz umwandelten. Das Fürstentum Lüneburg war das größte und bedeutendste der drei welfischen Teilfürstentümer; es gab außerdem noch das Fürstentum Calenberg (Residenz Hannover) und das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel (Residenz Wolfenbüttel). Unter Herzog Georg Wilhelm (1624–1705) und seiner Gattin, der französischen Hugenottin Eléonore d’Olbreuse, wurde das Schloss seit 1670 zu einem der frühesten Barockschlösser Deutschlands ausgebaut, als Vierflügelanlage nach italienischem Vorbild mit Hoftheater und Paradegemächern. Celle erlebte als Residenzstadt eine Blütezeit; das Gefolge Eléonores, das zumeist aus in ihrem Heimatland verfolgten Glaubensgenossen bestand, brachte französischen Esprit in die kleine Stadt. Das für den französischen Hofstaat eigens angelegte Stadtviertel ist im Wesentlichen erhalten. Mit dem Erlöschen der Celler Linie 1705 wurde die Residenz nach Hannover verlegt. Das Schloss diente im 19. Jahrhundert dem Könighaus Hannover als Sommersitz, der Ostflügel wurde in dieser Zeit neu gestaltet.

Die Bau- und Nutzungsgeschichte des Schlosses bildet den Leitfaden der Ausstellung. Im ersten Stock wird die Funktion von Architektur und Raumausstattung der barocken „Staatsgemächer“ im Rahmen des höfischen Zeremoniells verdeutlicht. Hier wie in 16 anderen Räumen sind die ausgesprochen qualitätvollen Stuckdekorationen des Italieners Giovanni Battista Tornielli noch erhalten. Die erst jüngst erworbenen Barockmöbel stehen auf Podesten – man soll sie nicht mit Originalmobiliar verwechseln.

Die vier Räume Antichambre, Audienzgemach, Paradezimmer und Kabinett, die „Enfilade“, zeigen exemplarisch das Verhältnis von Raum und Rang. Im Antichambre, in dem die Besucher warten mussten, bevor sie zur Audienz vorgelassen wurden, lernt man die Verhaltensvorschriften des Zeremoniells für Besucher kennen. Auf die Nebenfunktion des Raums als Spielzimmer verweist ein Tric-Trac-Tisch mit kostbaren Elfenbeinintarsien.

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Im Audienzgemach fand die Begegnung von Herrscher und Besucher statt. Hier steht die Inszenierung mit unterschiedlichen Sitzgelegenheiten vom erhöhen Thron bis zum Tabouret (Hocker) für die höfische Beachtung der Rangunterschiede: Der Fürst wies jedem Besucher seinem Rang entsprechend eine Sitzgelegenheit zu. Im prachtvollen Paradezimmer wurden nur besonders hochrangige oder geschätzte Personen empfangen. Ein Paradebett, das nur zur Repräsenta-tion, nicht zum Schlafen verwendet wurde, bildet den Mittelpunkt des Raums. Das Kabinett schließlich war der Ort der Vertraulichkeit, der intimen Gespräche, des Rückzugs. Gleichzeitig bewahrte der Fürst hier häufig seine kostbaren Sammlungen auf.

Von solcherlei Preziosen war bis vor kurzem in Celle nichts zu sehen, doch das hat sich jetzt geändert: Sehr stolz ist man auf den Wiedererwerb von drei silbervergoldeten Pokalen aus dem Nachlass des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent. Sie stammen ursprünglich aus der Silberkammer Herzog Georg Wilhelms, wurden dem Herrscher als Huldigungspräsente überreicht und auf einem Schaubüfett präsentiert.

Im zweiten Stock des Schlosses stehen die wechselnden Geschicke des Fürstenhauses der Welfen im Zentrum. Erklärt wird etwa die besondere Bedeutung von Hochzeiten für Herrscherfamilien: Eheliche Verbindungen schufen neue Allianzen und mehrten so die fürstliche Macht. Die einzige Tochter des Herzogspaars, Sophie Dorothea, galt wegen einer hohen Mitgift als begehrte Heiratskandidatin. Die über zwei Jahre währende Suche nach einem geeigneten Gemahl wird durch ein „Hochzeitskarussell“ dargestellt, auf dem die verschiedenen Bewerber (mit Angabe ihrer möglichen Vorzüge) um die Schöne kreisen. Tragisch war der reale Ausgang dieser Suche: Man entschied sich für den hannoverschen Cousin der Prinzessin, den Erbprinzen Georg Ludwig. Das brachte dem Herzogtum zwar finanzielle und territoriale Vorteile, doch statt ehelicher Eintracht entwickelte sich zwischen Sophie Dorothea und dem schwedi‧schen Offizier Philipp von Königsmarck eine stürmische Liebesaffäre. Als der Plan zu einer gemeinsamen Flucht 1694 aufflog, wurde Königsmarck ermordet, Sophie Dorothea auf das Wasserschloss Ahlden (zwischen Celle und Verden) verbannt. Ihre beiden Kinder durfte sie nie wiedersehen. Eine Sonderausstellung unter dem Titel „Mächtig verlockend. Frauen der Welfen“ ist vom 16. Februar bis zum 15. August 2010 im Schloss zu sehen.

An vielen Stellen der Ausstellung befördern Infostationen das Verständnis, so, wenn allegorische Bilder, wie sie die Räume der Residenz schmückten, durch ein „göttliches Who is who“ erschlossen werden. Durch einfallsreiche „Kinderstationen“ werden auch kleine Besucher neugierig auf diese für sie fremde Welt gemacht. Nach dem Museumsbesuch lohnt sich ein Bummel durch die reizvolle Altstadt Celles.

Dr. Heike Talkenberger

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