Ertl, Thomas Alle Wege führten nach Rom – Italien als Zentrum der mittelalterlichen Welt - wissenschaft.de
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Ertl, Thomas

Alle Wege führten nach Rom – Italien als Zentrum der mittelalterlichen Welt

Das finstere Mittelalter, das die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts als Kontrastfolie zu den eigenen Errungenschaften erfand, ist bekanntlich seit langem „out“. Wie „in“ stattdessen das gegenteilige Bild einer lichten, innovationsfreudigen, optimistischen und „zukunftsfähigen“ Epoche geworden ist, zeigt das Buch von Thomas Ertl exemplarisch. Ja, mit seinen 15 Einblendungen in ein multikulturelles, globalisiertes und vernetztes Italien zwischen 500 und 1500 macht es geradezu Lust auf ein Mittelalter, das der anschließenden frühen Neuzeit eigentlich schon alle Modernisierungsaufgaben abgenommen hat.

Wenn man dem Verfasser folgt, der sein Lesepublikum sachkundig und geschwafelfrei von Venedig über Mailand und Rom nach Amalfi, Palermo und wieder zurück führt, gab es in Sizilien unter den Normannen bereits eine moderne, zentralisierte Monarchie ohne stärkere Adelsopposition, dazu in Venedig und Genua leistungsfähige Global Player auf einem Weltmarkt, der bis China reichte, und in Rom ein Papsttum, das die Kirche mit einer effizienten Bürokratie verwaltete, von den Bankier-Tycoons in Florenz und Genua ganz zu schweigen.

Historiographiegeschichtlich betrachtet, nehmen die Mediä‧visten mit solchen Darstellungen des Mittelalters verdiente Rache an Jacob Burckhardt, der ihnen 1860 eine unter Schleiern des Bewusstseins dahinvegetierende, vorindividuelle, mit einem Wort: langweilige Epoche zur Bearbeitung überwiesen hatte. Paradox nur, dass Burckhardts Mythos von der Renaissance als Zeit kühner Aufbrüche in eine säkularisierte, rationalisierte und individualisierte Moderne in dieses Mittelalter-Bild, allenfalls leicht in Frage gestellt, integriert wird.

Diese Collage aber lässt den Leser einigermaßen ratlos zurück: Wenn das italienische Mittelalter bereits politisch, geographisch und kulturell so viele neue Welten erschlossen hat, was bleibt der Neuzeit dann eigentlich außer den unvermeidlichen „Flugmaschinen“ Leonardo da Vincis noch zu entdecken? Wenig genug, zumindest für Italien und das Papsttum: Dieses wird als „Hort des bewahrenden Katholizismus und der Gegenreformation“ abgestempelt – die von der Forschung seit Jahrzehnten intensiv untersuchte Katholische Reform hat es also nie gegeben.

Leider wird die beginnende Moderne nicht nur hinsichtlich ihrer Modernität abgestraft, sondern auch, was die Fakten betrifft, nachlässig behandelt. Nur ein Beispiel: Ein „Königreich beider Sizilien“ gibt es mit dieser Bezeichnung erst um 1800, zudem ist dieses kein Nebenland der spanischen Krone, die auch zu keinem Zeitpunkt als „absolute Mon-archie“ auf der Halbinsel regierte. Was die Höhepunkte des eigentlichen Mittelalters betrifft, so wünschte man sich gelegentlich eine klarere Position, vor allem dann, wenn unterschiedliche Sichtweisen – zum Beispiel zur Modernität Friedrichs II. – aufscheinen.

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Doch ungeachtet aller dieser partiellen Kritik bereitet die Lektüre von Ertls Italien-Buch großes intellektuelles und ästhetisches Vergnügen – gerade weil es so manchen Mythos nicht unbarmherzig demontiert, sondern leicht gerupft am Leben lässt. Die „Schlaglichter“ sind nicht nur klug ausgewählt, sondern auch – und vor allem! – sehr gut erzählt, in einer klaren, zupackenden Sprache, der es nicht an trockenem Humor und angelsächsisch anmutender Ironie mangelt.

Von den deutschen Bäckern in Rom über die italienischen Kaufleute in China zu den internationalen Studentengemeinschaften in Bologna wird kaum ein relevanter Aspekt ausgelassen, der Italien als Drehscheibe des Mittelalters vorführt. Da die Schlaglichter zudem durch mancherlei Leitmotive miteinander verknüpft werden, ergibt sich daraus ein Lesebuch fürs Internet-Zeitalter. Das möchte ich ausdrücklich als Kompliment verstanden wissen – ohne solche Vermittlungen von Wissenschaft an ein breiteres Publikum wird es das akade‧mische Fach Geschichte, so steht zu befürchten, in absehbarer Zeit nicht mehr geben.

Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt

Ertl, Thomas
Alle Wege führten nach Rom – Italien als Zentrum der mittelalterlichen Welt
Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, 304 Seiten, Buchpreis € 24,90
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