Preisendörfer, Bruno Als Deutschland noch nicht Deutschland war – Reise in die Goethezeit - wissenschaft.de
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Preisendörfer, Bruno

Als Deutschland noch nicht Deutschland war – Reise in die Goethezeit

Es ist durchaus vergnüglich, mit dem Journalisten Bruno Preisendörfer in die Goethe-Zeit zu reisen. Ob die Reisebedingungen selbst, das Leben in der Stadt und auf dem Land, in den Fami‧lien und bei Hof, ob Liebe, Krankheit oder Tod – stets ist der Autor nah am Geschehen, nah bei den Menschen der damaligen Zeit. Diese entfaltet sich als fremd und gleichzeitig vertraut, was zu nicht kleinem Maß die Faszination für diese Epoche des politischen und sozialen Umbruchs ausmacht.

Die Stärke des Buchs liegt im Detail. Wie sah es im Salon Johanna Schopenhauers aus, wie in der Handwerksstube eines Goldschmieds oder wie im Juden‧ghetto? Wie unterschied sich die Kleidung der Menschen je nach der Region, aus der sie kamen? Und mit welchen Widrigkeiten hatte man im Alltag zu kämpfen?

Der Autor betont die Gefahren des Reisens, die Armut, die in Stadt und Land grassierte, die Langeweile und Etikettezwänge des Hoflebens oder die Unzulänglichkeit des Schulunterrichts. All dies will so gar nicht zu dem romantischen Bild einer betulich-gediegenen Welt des Bürgertums passen, das vielfach mit der Goethe-Zeit assoziiert wird und die es natürlich auch gab.

Die Einordnung der oft sehr vergnüglichen Zitate in den historischen Kontext überzeugt allerdings nicht immer, so etwa beim Thema Krankheit und Tod: Die Zeitgenossen werden ausgiebig zitiert mit ihrer Kritik am „Quacksalbertum“. Selbstredend gab es um 1800 Scharlatane und Wunderheiler, deren Heilkunst nicht viel zuzutrauen war, doch reflektiert Preisendörfer nicht, dass die „Quacksalber-Kritik“ gleichzeitig den Ärzten dazu diente, sich gegen eine volkstümliche Heilkunst abzugrenzen und damit ihren eigenen Stand als allein zuständig für die Heilung von Patienten hinzustellen.

Auch fällt auf, dass der Autor mangelnde Rechtschreibkenntnisse der Zeitgenossen konstatiert, dies jedoch für eine Zeit, die noch gar keine festen Rechtschreibregeln kannte. So bleibt als Fazit: eine Fundgrube für Zitate, ein schön erzähltes Buch, das aber zuweilen historische Tiefenschärfe vermissen lässt.

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Rezension: Dr. Heike Talkenberger

Preisendörfer, Bruno
Als Deutschland noch nicht Deutschland war – Reise in die Goethezeit
Galiani Verlag, Berlin 2015, 517 Seiten, Buchpreis € 24,99
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