Sabine Müller Atemberaubender Eroberer - wissenschaft.de
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Sabine Müller

Atemberaubender Eroberer

dam0719bue02.jpgAlexander der Große ist so bedeutend, dass es keiner Begründung bedarf, wenn ein stattlicher Band über den Makedonen aus der Feder der Marburger Althistorikerin Sabine Müller erscheint. Müller ist ausgewiesene Kennerin des Hellenismus und hat vor allem zum makedonischen Herrscherhaus der Argeaden eine Reihe wichtiger Arbeiten vorgelegt. Auch dieses Buch versteht sie ausdrücklich nicht als Biographie: Vielmehr möchte sie Kontinuitäten der langen Dauer sichtbar machen und den persönlichen Netzwerken am argeadischen Hof nachspüren. Gleichwohl wendet sich der Band, versehen mit Zeittafel, Glossar und einem für die Reihe ungewöhnlich üppigen Anmerkungsapparat von 100 Seiten Länge, an ein breites, auch nicht-studentisches Publikum.

Die Gratwanderung gelingt überraschend gut, trotz mancher das Gesamtbild trübender Einschränkungen. Auf die Einführung mit einer etwas zu knappen Tour de Force durch die Alexander-Forschung folgt ein gründlicher Abriss der Quellen, deren Aufgliederung in „Primär-“ und „Sekundärquellen“ vielleicht nicht ganz glücklich ist. Es schließt sich die Vorgeschichte an, mit den Argeaden und Alex-anders Vater Philipp, unter dem Makedonien zur Großmacht avancierte.

Müller verfolgt Alexanders Werdegang bis in seine Kindheit und Jugend zurück, zu den Lehrern, Freunden und höfischen Zirkeln, bevor sie die immer wieder atemberaubende Eroberung Asiens vor den Augen ihrer Leser entfaltet: allerdings nicht wie ein episches Hollywood-Drama, eher wie ein Kammerspiel, in dem es auf jeden einzelnen Protagonisten ankommt.

Diese Geschichte ist so grandios, dass selbst mittelmäßige Historiker damit ihre Leserschaft fesseln können. Müller aber gelingt es, im Zusammenspiel mit chirurgischer Präzision Sinnstrukturen freizulegen und so das Verständnis des kolossalen Zerstörungswerks zu erleichtern, das Alexander in Asien vollbrachte. Treffend beschreibt sie die Schwierigkeiten, auf die Alexander immer mehr stieß, je weiter er nach Osten vordrang, als Problem der Ressourcenüberdehnung und der von ihm angestrebten Herrschaftsintensität, die mit lokalen Strukturen nicht vereinbar war. Im Grunde genommen war das „Reich“ Alexanders reine Fiktion: Es befand sich immer nur dort, wo der König gerade war.

Müllers Analyse ist dort am stärksten, wo sie die zahlreichen Alexander-Mythen entzaubert: Den Gordischen Knoten entlarvt sie als raffiniertes Stück Arbeit am Mythos, das an eine durch Alexander vergegenwärtigte Geschichte bei Herodot anknüpfte. Die Episode, die sich im Zeus-Ammon-Heiligtum in der Oase Siwa zutrug und bei der Alexander durch einen Orakelspruch vermeintlich zum Gottkönig wurde, erdet die Verfasserin, indem sie nachweist, wie die Geschichte erst später, in ptolemäischer Zeit, ihre Brisanz vollends entfaltete. Und der Beziehung zwischen Alexander und seinem engsten Freund Hephaistion nimmt sie manches von ihrem Skandalpotential, indem sie das profunde Nicht-Wissen in Erinnerung ruft, das in diesem Fall keine Quellenkritik zu durchdringen vermag.

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Hätte Müller ihren historischen Scharfsinn noch in eine elegante Prosa gekleidet, ihr wäre das perfekte Alexander-Buch gelungen. Leider vermengt sich in dem Werk ein penetranter, mit unzähligen Anglizismen garnierter Neusprech mit einem ansonsten betulichen Erzählstil. Ein Jammer, denn eine große Erzählung wäre dem großen Makedonen mehr als angemessen gewesen.

Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer

Sabine Müller
Alexander der Große
Eroberungen – Politik – Rezeption
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2019, 396 Seiten, € 32,–

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