Martin Schulze Wessel Aufbruch in Prag - wissenschaft.de
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Martin Schulze Wessel

Aufbruch in Prag

dam0718bue15.jpgAlexander Dubček war ein Kompromisskandidat. Mit der Wahl des Slowaken zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der ČSSR im Januar 1968 begann der „Prager Frühling“. In Moskau war man beruhigt, und im westlichen Ausland hielt man Dubček zunächst für einen „Apparatschik“. Nur drei Monate später zierte sein Konterfei das „Time Magazine“: Mit seinem melancholischen Gesicht schien er das physiognomisch zu verkörpern, was weltweit Hoffnung auslöste: einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

Diese Wortschöpfung stammte aus dem Kreis eines neuen Denkens, dessen Fluchtlinien Martin Schulze Wessel im ersten Teil seines Buchs mit Bravour freilegt: Ohne Intellektuelle, Wissenschaftler, Künstler wäre der Aufbruch in eine neue Zeit nicht möglich gewesen. Auf der Basis zahlreicher Primärquellen bringt der Autor den „Prager Frühling“ noch einmal zum Leuchten. Er entfaltet ihn als eine „Epoche für sich“, als Zeit der Offenheit, Moralität und Demokratisierung, und erinnert daran, wie ungeheuerlich es 1968 im Ostblock war, wenn eine kommunistische Parteiführung die Pressezensur abschaffte und in einen Dialog mit den Bürgern trat.

Der Wandel von „oben“ traf auf eine sich dynamisierende und kritische Öffentlichkeit, die sich mittels Presse, Rundfunk, Fernsehen, aber auch in Massenversammlungen und Meinungsumfragen artikulierte. Auf die Zukunft gerichtet, war der „Prager Frühling“ gleichwohl eng verwoben mit der Vergangenheit – in der Rückbesinnung auf demokratische Traditionen ebenso wie in der einsetzenden öffentlichen Erinnerung an den Holocaust, besonders aber im Bestreben einer Aufarbeitung der antisemitisch und antislowakisch grundierten Schauprozesse der 1950er Jahre. Gegner wie Befürworter des „Prager Frühlings“ waren geprägt vom Horror des Stalinismus – und konnten dabei sowohl zu den Opfern als auch zu den Tätern gehören.

Dies sind aufgeladene personelle Gemengelagen, die der Autor auch im zweiten Teil seines Buchs im Blick behält, wenn er in chronologischen Etappen das Ringen um die neue Politik in Partei, Zivilgesellschaft und innerhalb des Ostblocks schildert – vom „Frühling“ bis zum „Herbst“, vom Aufbruch bis zum Scheitern. Die Haltung Dubčeks, der unter dem Druck der kommunistischen „Bruderstaaten“ schon vor dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August die Dynamik der eigenen Reformen teilweise einzuhegen suchte, macht Schulze Wessel in ihrer Ambivalenz zwischen Rückzug und Standhaftigkeit sichtbar.

Indem der Autor die interne Konflikthaftigkeit des „Prager Frühlings“ betont und die Bedeutung von Medien-, Minderheiten- und Geschichtspolitik, Nationalitäten-, Religions-, sowie Generationenkonflikten hervorhebt, gelingt dem Osteuropa-Historiker ein glänzender Zugang zu einem europäischen Erinnerungsort, dessen Geschichte keineswegs schon „auserzählt“ ist.

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Rezension: Dr. Birgit Hofmann

Martin Schulze Wessel
Der Prager Frühling
Aufbruch in eine neue Welt
Verlag Philipp Reclam jun., Ditzingen 2018, 323 Seiten, € 28,–

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