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Franz Leander Fillafer

Aufklärung im Habsburgerreich

dam1220bue01.jpgNeue Forschungen zur Rolle der Aufklärung im katholischen Europa haben klargestellt, dass das Erbe der Aufklärung nicht geradlinig zum säkularen demokratischen Staat westeuropäischer Prägung führte. Den „fortschrittlichen“ Radikalaufklärern im Westen standen auch nicht einfach, wie es oft heißt, obrigkeitshörige (ost)mitteleuropäische Fürstenberater und Bürokraten gegenüber, die sich als Instrumente der jeweiligen mehr oder minder autoritär regierenden Herrscher missbrauchen ließen.

Vielmehr blieben eigenständige Wege in die Moderne auch in den konservativ-reaktionären Zentren weit bestimmender, als das die liberale Geschichtsschreibung zugestehen wollte. Wohl nirgendwo anders lässt sich jene intellektuelle Verquickung von spätbarocker Gelehrsamkeit, Aufklärungserbe und gesellschaftspolitischem Konservativismus in ihrer Komplexität besser verfolgen als im Vielvölkerreich der Habsburgermonarchie.

Der an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätige Historiker Franz Fillafer hat sich dieser Mammutaufgabe gestellt. Im Gegensatz zum Bild des Stillstands belegt Fillafer an zahlreichen Beispielen, wie in der habsburgischen Bürokratie, den Universitäten, ja sogar in der katholischen Kirche das Erbe des an der Aufklärung orientierten Kaisers Joseph II. weitergetragen wurde. Man rezipierte Isaac Newton, Immanuel Kant sowie Adam Smith und schlug mit der „positiven“ Natur- und Rechtswissenschaft einen eigenständigen Weg ein, der sich von spekulativer Romantik ebenso abgrenzte wie vom protestantischen Rationalismus.

Mit dem „Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch“ von 1811 trieben die Reformer die – schon unter Maria Theresia und Joseph II. forcierte – Vereinheitlichung der Verwaltung in den verschiedenen Ländern der Monarchie weiter. Sowohl Merkantilisten als auch Liberale in den höheren Verwaltungsebenen setzten auf den freien Verkehr von Waren und Arbeitskräften, freilich unter Missachtung der damit verbundenen sozialen Probleme: der Entstehung eines Manufakturproletariats. Zur Sozialdisziplinierung der Armen diente die Staatskirche.

Außerdem konnte von einer echten Koalition zwischen Thron und Altar keine Rede sein. Der „reaktionäre“ Kaiser Franz I. stand in mancherlei Beziehung ganz in der Tradition seines Onkels Joseph II., wenn er ständische Herrschaftsrechte privatisierte und damit für verkäuflich erklärte. Das Großbürgertum, das diese Adelsrechte erwarb, wusste es ihm zu danken. Wie sein Vorgänger kehrte auch er sich ab von der (Re-)Katholisierung als staatlicher Aufgabe.

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Die regional vielgestaltige Aufnahme der Aufklärung arbeitet der Autor auf Basis eines umfassenden Quellen- und Literaturstudiums heraus, welches auch die Sekundärliteratur nahezu aller ehemaligen Länder der Habsburgermonarchie berücksichtigt. Dies ist fast ein Alleinstellungsmerkmal und spricht für sich schon für die besondere Qualität des Bandes. Fillafers Werk ist aber mehr als eine ostmitteleuropäische Fallstudie. Seine Arbeit verweist auf die komplexe Wirkungsgeschichte der Aufklärung in Rechtswesen, Bildung, Wissenschaft, Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik auch über diesen Raum hinaus.

Rezension: Dr. Andreas Weigl

Franz Leander Fillafer
Aufklärung habsburgisch
Staatsbildung, Wissenskultur und Geschichtspolitik in Zentraleuropa 1750 – 1850
Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 640 Seiten, € 54,90

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