Schneider-Ferber, Karin Aufstand der Pfeffersäcke – Bürgerkämpfe im Mittelalter - wissenschaft.de
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Schneider-Ferber, Karin

Aufstand der Pfeffersäcke – Bürgerkämpfe im Mittelalter

Die Stuttgarter „Wutbürger“ weisen diesem Buch die Richtung. Ihr Aufbegehren gegen staatliches Handeln und harten Polizeieinsatz rief heftige Debatten über die Rechtmäßigkeit bürgerlichen Widerstands hervor.

In einer intelligenten Auswahl eindrucksvoller Beispiele präsentiert Karin Schneider-Ferber zehn große Konflikte aus deutschen Städten des Mittelalters. Das sehr gut geschriebene Buch zeigt, dass die mittelalterliche Stadt kein Ort bürgerlicher Behaglichkeit war. Lange riefen die Kupferstiche Merians oder die Bilder Spitzwegs zwar den Eindruck braver Ordnung oder behäbiger Schlafmützigkeit hervor. Doch die Praxis des Zusammenlebens auf engstem Raum sah anders aus.

Im sozialen und ökonomischen Wandel wurde beständig um die Teilhabe an der Macht gerungen. Erst drängten sich reiche Kaufleute in die feudale Welt von Klerus und Adel und schufen sich die mittelalterliche Stadt als neue Lebensform. Später forderten Aufsteiger innerhalb der Kommunen von den Etablierten Anteil am Stadtregiment.

Die in diesem Buch erzählten Revolten vom 11. bis zum 16. Jahrhundert stehen für solche Umwälzungen. Dabei treten nur wirklich große Städte wie Köln, Leipzig, Worms, Erfurt, Augsburg, Braunschweig, Ulm, Wismar oder Münster in den Blickpunkt, nicht Dinkelsbühl oder Buchau am Federsee, die man auch hätte berücksichtigen können. Wie in den Revolutionen der Neuzeit ging der Aufruhr nicht von den Ärmsten der Armen aus, sondern von ehrgeizigen Gruppen knapp unterhalb der Schwelle zur Macht.

Hier liegen aber auch die Differenzen zu den „Wutbürgern“ unserer Tage. Denn im Mittelalter ging es um mehr als um Verkehrswege oder Transparenz. Die Proteste zielten auf angemessene Teilhabe an Macht und Gestaltungskraft und erledigten sich, sobald dieser Aufstieg geglückt war. Diesen Unterschied muss sich der Leser allerdings aus den schönen, lebensnahen Geschichten dieses Buchs erschließen.

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Denn im Wandel von der Stadt zum Staat gelang es den Bürgern, ihr einstmals exklusives Ordnungsmodell auf alle auszudehnen und ihre Idee von „guter Polizey“ zum staatlichen Gewaltmonopol auszubauen. Hochkochende Emotionen werden das städtische Leben weiterhin prägen. Aber Ziele und Formen der Wut haben sich vom 11. bis zum 21. Jahrhundert verändert.

Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

Schneider-Ferber, Karin
Aufstand der Pfeffersäcke – Bürgerkämpfe im Mittelalter
Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2014, 240 Seiten, Buchpreis € 24,95
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