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Helge Hesse

Collage eines Aufbruchs

dam0721bue09.jpgZweifelsohne – es war eine aufregende Zeit, das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts. Die amerikanische Unabhängigkeit vom Mutterland England samt bahnbrechender Verfassung, die Französische Revolution mit ihrer radikalen Infragestellung der alten Ordnung, technische Neuerungen wie die Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watt oder die Erfindung des Heißluftballons durch die Brüder Montgolfier, kühne Forschungsreisen und literarische Aufbrüche, dazu die Rufe nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter und nach Abschaffung der Sklaverei, all dies ereignete sich in dieser kurzen Zeitspanne. Viele neue Wege, die damals beschritten wurden, prägen unsere Welt bis heute.

Das Buch von Helge Hesse entführt uns in diese Epoche des Aufbruchs. Nach dem seit dem Erfolgstitel „1913“ von Florian Illies sehr beliebten Strickmuster der Collage von Ereignissen und Personen schildert Hesse eine überwältigende Vielzahl von Einzelmomenten, von Impressionen. Schon zu Beginn begegnen uns in atemloser Folge George Washington auf seinem Anwesen Mont Vernon, Marie Antoinette als junge Königin in Versailles, Johann Wolfgang Goethe nach seinem „Werther“-Erfolg im Klaviersalon einer befreundeten Familie, Georg Forster auf einem Schiff im südlichen Atlantik, der Unternehmer Matthew Boulton in seinem neuen Fabrikgebäude in Birmingham und James Watt, der geniale Ingenieur. Und so geht es unaufhaltsam weiter, wobei einziges strukturierendes Prinzip der Darstellung die chronologische Abfolge der Jahre 1775 bis 1799 ist.

Es ist durchaus unterhaltsam und spannend zu lesen, was sich da alles gleichzeitig in den Ländern Deutschland, England, Frankreich und den entstehenden Vereinigten Staaten tat, oft, ohne dass die Protagonisten der Handlung voneinander wussten. Auch die 44 ausgewählten Personen, davon neun Frauen, werden ansprechend und mit leichter Hand charakterisiert. Und doch: Der Wechsel der Figuren und Szenarien in diesem Stück erscheint zu atemlos, zu schnell und abrupt. Die Methode, ein möglichst faszinierendes Kaleidoskop zu bieten, geht auf Kosten der Zusammenhänge, der längerfristigen Entwicklungen. Denn die geschilderten Ereignisse kamen natürlich nicht aus dem Nichts; ein Zusammenwirken verschiedenster Faktoren hatte sie hervorgebracht oder begünstigt. Davon erfahren wir nichts bzw. zu wenig. Das Buch geht nicht in die Tiefe, bleibt an der schillernden Oberfläche.

Dazu kommt: Es ist zwar richtig, den Aufbruchcharakter der damaligen Zeit zu betonen, doch zugleich fußt auch dieser Aufbruch auf entscheidenden Wegmarken der Vergangenheit. Schon im 16. Jahrhundert „erforschten“ die Europäer „den Globus“, und bereits durch die Reformation geriet die „Deutungshoheit des Klerus“ ins Wanken, um nur zwei Beispiele zu nennen. Es wäre erkenntnisfördernd gewesen, wenn Hesse dem Leser zum Beispiel erklärt hätte, worin trotzdem der fundamentale Unterschied zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert bestand.

Rezension: Dr. Heike Talkenberger

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Helge Hesse
Die Welt neu beginnen
Leben in Zeiten des Aufbruchs 1775–1799
Verlag Philipp Reclam jun., Ditzingen 2021, 431 Seiten, € 25,–

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