Tomberg, Friedrich Das Christentum in Hitlers Weltanschauung - wissenschaft.de
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Tomberg, Friedrich

Das Christentum in Hitlers Weltanschauung

Die Frage nach den innersten Beweggründen von Hitlers Denken und Handeln beschäftigt die Geschichtswissenschaft seit knapp 80 Jahren. Viele haben die Antwort in Hitlers Weltanschauung ge‧sehen und daraus einen vermeintlich konsequenten Plan für sein Handeln abgeleitet. Diesem umstrittenen Erklärungsansatz ist auch Friedrich Tomberg verpflichtet, der allerdings im Unterschied zur historischen Forschung nach Sinnzusammenhängen fragen will, um das Rätsel Hitler zu lösen.

Tomberg spricht von Hitlers „europäischer Ideologie“ und von dessen ambivalenter bzw. widersprüchlicher Stellung zum Christentum. Er bezieht sich dabei auf diejenigen, die den Nationalsozialismus als eine politische Religion verstehen und darin einen der wesentlichen Gründe für Hitlers Aufstieg zur Macht sehen.

Beide Erklärungsansätze, der primär ideengeschichtliche wie der religionspolitische, sind in der jüngeren Forschung jedoch mit guten Gründen in Frage gestellt worden. So hat etwa der Hitler-Biograph Ian Kershaw die Funktion von Hitlers Weltanschauung primär in der Rechtfertigung von dessen Machtanspruch und charismatischer Politik gesehen. Tomberg nimmt dies nicht auf, sondern konzentriert sich auf die zahlreichen und äußerst widersprüchlichen Äußerungen Hitlers zum Christentum, die der Autor als Ausdruck einer ambivalenten Haltung des „eingeschriebenen Katholiken Hitler zu seiner angestammten Religion“ sieht.

Tombergs „Tiefenbohrung“ führt von der christlich-katholischen Sozialisation Hitlers in Österreich zu seinen antichristlichen, von einer aufgeklärten Wissenschaftsgläubigkeit geprägten Einstellungen (vor allem bei der Begründung seiner Rassendoktrin) bis zu seiner „christlich eingestimmten“ Rhetorik, die sein Publikum von seiner „völkischen Weltanschauung“ überzeugen sollte. Damit wollte er, so die zentrale These, Deutschland, Europa und die Welt vor dem im Sinn Nietzsches verderblichen Einfluss des Christentums und Überfremdungstendenzen bewahren.

Tomberg fördert in seiner durchaus originellen Analyse der Weihnachtsreden Hitlers einen genuinen Ausdruck von Angst als Kern seiner „europäischen Ideologie“ zutage. Diese unterscheidet zwischen einem verderblichen Kirchenchristentum und einem nicht verwirklichten Christentum, das der wahren Lehre Christi folgen müsse. Hieraus leite Hitler sein politisches Handeln, seinen Antisemitismus und seinen Antibolschewismus wie auch seine ambivalente Stellung zur industriellen Moderne ab.

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Auch wenn die Lektüre des Buchs durch eine gelegent‧liche Weitschweifigkeit und die Neigung zu ausführlichen Literaturberichten nicht immer einfach ist, so ist es dennoch gerade mit der Betonung der Ambivalenz und der Angst als Merkmal von Hitlers „europäischer Ideologie“ anregend, wenn auch nicht widerspruchsfrei.

Rezension: Prof. Dr. Hans-Ulrich Thamer

Tomberg, Friedrich
Das Christentum in Hitlers Weltanschauung
Wilhelm Fink Verlag, München 2012, 272 Seiten, Buchpreis € 25,90
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