Kotek, Joel/Rigoulot, Pierre Das Jahrhundert der Lager – Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung - wissenschaft.de
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Kotek, Joel/Rigoulot, Pierre

Das Jahrhundert der Lager – Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung

Lager zur temporären, behelfsmäßigen Unterbringung von Zivilpersonen in fremder Umgebung hat es schon immer gegeben und gibt es, wie Pfadfinder, sporttreibende Jugendliche und vielleicht auch Katastrophenopfer zu schätzen wissen, immer noch. Diese Art Unterbringung ist aber das einzig Gemeinsame mit den Lagern, die die Autoren Joel Kotek und Pierre Rigoulot in ihrem Buch „Das Jahrhundert der Lager“ als spezifisches Phänomen des 20. Jahrhunderts beschreiben. Ihnen geht es um Lager, in denen sich die Betroffenen gegen ihren Willen aufhalten mußten und die den Charakter von Institutionen zur Strafverbüßung hatten. Die Einweisung ins Lager galt aber in der Regel nicht der Strafverbüßung für Menschen, die im juristischen Sinne straffällig geworden und verurteilt worden waren. Insofern waren die Lager nicht etwa Gefängnisse der Massengesellschaft. Die Internierung im Lager hatte vielmehr Willkürcharakter und diente aus der Sicht der jeweiligen Staaten der „Konzentration“ bestimmter Personengruppen zur Prävention von kriminellen oder politischen Straftaten oder der Isolierung von Personengruppen, die man aus sozialen, rassischen oder sonstigen Gründen als schädlich ansah. Nach dieser einsichtigen Vorklärung beschreiben die Autoren in chronologischer Reihenfolge die Geschichte der Lager, die keineswegs mit der Geschichte totalitärer Systeme zusammenfällt. So erfährt man etwas über spanische Lager zur „Konzentration“ großer Teile der kubanischen Landbevölkerung, die die Unterstützung der Aufständischen in den Jahren 1896-1898 verhindern sollten. Und man wird informiert über die Konzentrationslager der Briten im Burenkrieg und die der Deutschen in Südwestafrika, wo diese den Versuch der militärischer Ausrottung der Hereros durch die Konzentration der Übriggebliebenen ergänzten – mit Zwangsarbeit und hingenommener Todesfolge – und so schon ein erschreckendes Vorbild für die Politik der Nationalsozialisten lieferten. Während des Ersten Weltkriegs hielten Konzentrationslager dann nicht nur Einzug im Osmanischen Reich – im Zuge des Völkermords an den Armeniern –, sondern als „Internierungslager“ für feindliche Staatsangehörige auch in Frankreich und Großbritannien. In ihrer „modernen“, gegen Teile der eigenen Nation gerichteten Form wurden sie jedoch erst durch die Bolschewiki 1918 eingeführt. Dieses seit Solschenizyn als „GULag“ bekannte Lagersystem wird ausführlich beschrieben und bei aller Ähnlichkeit gegen das noch detaillierter beschriebene deutsche KZ-System mit Recht abgesetzt. Das betrifft vor allem die in dieser Form im GULag nicht vorhandenen „Vernichtungszentren“, die als „Todesfabriken“ zur unmittelbaren Tötung der Eingelieferten dienten. Während GULag und deutsche KZ auch für Nichtspezialisten ein Begriff sind, gilt dies wohl kaum für die vielen anderen Lagersysteme, wie die in Frankreich während des Vichy-Regimes, für die in Spanien und Portugal in der Zeit der Diktaturen oder für die in den USA und Japan während des Zweiten Weltkriegs. Kaum bekannt sind auch die Lager der Nachkriegszeit im Ostblock bzw. Osteuropa, in Asien und in Lateinamerika, die zum Teil bis in die unmittelbare Vergangenheit genutzt wurden. Selbstverständlich geht ein solches Handbuch-Unternehmen nicht ohne Asymmetrien, Leerstellen und Schwächen ab. Der GULag etwa diente seit Ende der 20er Jahre ausschließlich zur Unterbringung individuell Verurteilter, auch wenn die Urteile eine Farce waren. Warum die Lager für Displaced Persons, die es seit 1945 gab, überhaupt, dann aber nur die für Juden beschrieben werden, ist schlechterdings unerklärlich. Für deutsche Nichtspezialisten sind die erfreulich sparsam und gut ausgewählten Literaturhinweise zum Teil ärgerlich. Das hängt mit der Übersetzung zusammen, die nur unsystematisch entsprechende deutsche Ausgaben und deutsche Schreibung berücksichtigt. Etwas redaktionelle Mühe hätte etwa aus „Jejow“ den Volkskommissar „Jeschow“, aus „Anonym, The Dark Side of the Moon“ „Koestler, Sonnenfinsternis“ gemacht und den Klassiker „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon nicht „erstmals 1974“ erscheinen lassen. Aber all diese Kritik soll nicht verdecken, daß das „Jahrhundert der Lager“ als einführende Überblicksdarstellung durchaus willkommen ist.

Rezension: Bonwetsch, Bernd

Kotek, Joel/Rigoulot, Pierre
Das Jahrhundert der Lager – Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung
Propyläen Verlag, Berlin/München 2001, 768 Seiten, Buchpreis € 35,00
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