Lübke, Christian Das östliche Europa - wissenschaft.de
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Lübke, Christian

Das östliche Europa

Das mittelalterliche Reich der Deutschen entstand mitten in Europa und lebte aus den vielfältigen Bindungen zu seinen Nachbarn. Eine ehrgeizige Reihe des Siedler Verlags macht unter dem Titel „Die Deutschen und das europäische Mittelalter“ diese Beziehungsgeschichte deutlich und überwindet nationale Engführungen der älteren Geschichtsschreibung durch die Europäisierung des mittelalterlichen Reichs.

Mit Christian Lübke legt ein besonders profilierter Autor ein Grundlagenwerk zum östlichen Europa vor. Jahrelange Spezialforschung wird hier zu einer gut geschriebenen Gesamtdarstellung verwoben, die den Laien wie den Fachleuten alle wichtigen Wege zum Verständnis der fremden Welt öffnet. Eindrucksvoll tritt der große slawische Anteil an der deutschen Geschichte hervor.

In zeitlicher Nähe zu den Anfängen deutscher Geschichte in nachkarolingischer Zeit entwickelten sich die Reiche in Ostmitteleuropa und Osteuropa. Durch Expansion und Mission blieben die Nationsbildungen der Böhmen, Ungarn oder Polen aufs engste mit Europas Mitte verknüpft. Nach Jahrzehnten der Trennung im 20. Jahrhundert werden solche Gemeinsamkeiten heute wieder neu bewußt. Lübke zeigt mit Engagement und langem Atem die prägenden Wurzeln einer verbindenden Geschichte. Dabei nimmt die Etablierung ottonischer Herrschaftsstrukturen im 10. und frühen 11. Jahrhundert einen vergleichsweise breiten Raum ein. Die Darstellung der unterschiedlich intensiven Bezüge zu den unmittelbaren Nachbarn in Ostmitteleuropa und den ferneren in der Rus wird bis ins 14. Jahrhundert geführt und mit einem sehr knappen Ausblick zum ausgehenden Mittelalter abgeschlossen.

Mit darstellerischem Geschick entwickelt der Verfasser sein Thema aus den modernen Prägungen der Begriffe und aus den Erfahrungen unserer Gegenwart. Zur Beschreibung der fernen Vergangenheit gehört das Wissen um die Ideologisierung des „deutschen Drangs nach Osten“ und die Indienstnahme des Mittelalters für nationale Deutungen und Stereotype. Noch heute transportieren vordergründig un?politische Raumbezeichnungen wie Mitteleuropa oder Ostmitteleuropa die Sehnsüchte der Völker. Das neue „Ostmitteleuropa“ begreift sich – maßgeblich propagiert von führenden Intellektuellen wie Milan Kundera oder György Konrád – seit 1989/90 als Mitte und trennt sich vom Osten. Diese Verwestlichung griff in zwei großen Jahrtausendfeiern programmatisch auf die Anfänge zurück, auf die christliche Mission des heiligen Adalbert (gest. 997) und auf die Pilgerreise Kaiser Ottos III. nach Gnesen (1000). Im kühnen Sprung berühren sich scheinbar die Lebenswirklichkeiten der ersten und der zweiten christlichen Jahrtausendwende.

Lübkes Buch geht von solchen historischen Hoffnungen aus, um dann prägnant die Andersartigkeit mittelalterlicher Entfaltungen zu beschreiben. Von besonderem Wert für Leser ohne Vorkenntnisse sind die beigegebenen Karten sowie die Stamm- und Zeittafeln: Sie bieten die nötigen Wegmarken in der weiten Welt des mittelalterlichen Ostens.

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Rezension: Schneidmüller, Bernd

Lübke, Christian
Das östliche Europa
Siedler Verlag, München 2004, 544 Seiten, Buchpreis € 60,00
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