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Rebecca Clifford

Das Trauma der jüdischen Kinder

dam0722bue13.jpgFotos von Kindern, die als Opfer des Holocaust das neue Leid des Überlebens in der Nachkriegszeit erfahren mussten, zeigen, dass die Katastrophe der Juden kein Ende hatte: Auschwitz und Theresienstadt, die Kindertransporte oder das Lager für Displaced Persons wurden fortgesetzt im Zwang zur Integration in die Kälte einer fremden (jüdischen oder nicht-jüdischen) Welt, in
der Trauer über den Verlust der Angehörigen und den Schmerz über die geraubte Kindheit.

Das Thema „Kinder im Holocaust“ bewegt die Menschen seit langem. Das Tagebuch der Anne Frank machte den Anfang. Ein Höhepunkt war der Skandal, den „Binjamin Wilkomirski“ in den 1990er Jahren auslöste: Es handelt sich um die inzwischen vergessene Anmaßung des Mannes, der sich in die Erlebniswelt eines jüdischen Kleinkindes phantasierte, damit das Publikum berührte, die literarische Welt begeisterte und die Historiker täuschte.

Rebecca Clifford schildert die Lebenswege der jüngsten Opfer nach dem Ende des Judenmords. Angesichts vieler Anstrengungen, die Historiker den Schicksalen Überlebender nach dem Ende der Verfolgung – gerade auch denen von Kindern – gewidmet haben, ist das Mantra der Autorin, Holocaust-Forscher hätten den Monaten und Jahren nach Kriegsende „eher wenig Aufmerksamkeit“ geschenkt, ärgerlich. An Editionen von Lebenszeugnissen und Studien zum Thema mangelt es nicht, sie füllen Buchreihen.

Sie handeln von den Traumata, die die Kindertransporte nach Großbritannien oder die Kindheit im Versteck, im KZ, im Lager hinterließen. Aber diese Literatur wurde wohl zu wenig wahrgenommen – auch von der Autorin, die sich auf englischsprachige Publikationen stützt und Selbstzeugnisse auswertet, die die bisherige Holocaust-Forschung in Jahrzehnten zusammengetragen hat.

Der erste Fehler im historischen Kontext findet sich schon in der Einleitung: Theresienstadt war kein Konzentrationslager, wie die Autorin auch im weiteren Verlauf ihrer Darstellung glaubt, sondern ein einzigartiges Ghetto für einen speziellen Personenkreis. Für das Erlebnis der Kinder spielt freilich die Struktur des Haftorts keine Rolle, und ob das Trauma im KZ oder im Ghetto wurzelt, ist für Psychologen gleichgültig, für eine Studie mit wissenschaftlichem Anspruch
jedoch nicht.

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Trotzdem legt Clifford ein wichtiges Buch vor, dessen Lektüre sich für alle diejenigen lohnt, die Einblick in die fortdauernden Wirkungen des Judenmords gewinnen möchten. Das Buch vermittelt – außer dem authentischen Bild, das die Zitate aus Interviews und autobiographischen Texten zeichnen – wichtige Einsichten in die Schwierigkeit des Kinderlebens unter exorbitanten Umständen.

Etwa 1,5 Millionen Kinder sind im Holocaust ermordet worden. Mindestens 150 000 haben die Mühsal und das Leid des Überlebens erfahren. Auch sie haben Nachkommen, die auch nicht unberührt blieben. Deshalb ist das Buch über die Traumata der versteckten, befreiten, geretteten jungen Menschen, die alles, oft sogar die eigene Identität, verloren, so wichtig.

Rezension: Prof. Dr. Wolfgang Benz

Rebecca Clifford
„Ich gehörte nirgendwohin.“
Kinderleben nach dem Holocaust
Suhrkamp Verlag, Berlin 2022, 448 Seiten, € 28,–

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