Volker Matthies Das Wissen der Einheimischen - wissenschaft.de
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Volker Matthies

Das Wissen der Einheimischen

dam0718bue07.jpg„Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“ Bertolt Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters“ bilden das Motto der informativen Studie von Volker Matthies über einheimische Begleiter europäischer Forschungsreisender. Mit diesem Buch greift der Autor kritische Ansätze in der Forschung über „Entdecker“ auf, die seit geraumer Zeit mit Nachdruck an dem vom Eurozentrismus durchtränkten Image der vermeintlich edlen und mutigen Helden kratzen, die völlig auf sich gestellt durch fremde Länder gezogen oder über unbekannte Ozeane gesegelt seien.

Die Entzauberung der „Helden“ vollzieht sich in der neueren Fachliteratur auf mehreren Ebenen. Einmal verweisen zahlreiche Untersuchungen auf die enge Verbindung zwischen Entdeckungs- und Forschungsreisen und der europäischen kolonialen Expansion, insbesondere in Bezug auf Afrika.

Stärker beachtet wurden auch die gesundheitlichen Risiken der Reisen und der Drogenkonsum. Viele Reisende wurden nämlich permanent von Schmerzen, Lähmungen und Fieber geplagt und häufig an die Grenzen ihrer physischen Existenz geworfen. Sie suchten nicht zuletzt durch den regelmäßigen Genuss von Alkohol ihrer Krankheiten Herr zu werden und unternahmen wenigstens einen Teil ihrer Reisen gleichsam im Bann des Fiebers, unter dem Einfluss von Hochprozentigem und extremer Müdigkeit. In ihren Publikationen war von alledem freilich kaum die Rede.

Drittens schließlich, und vor allem diesen Aspekt beleuchtet Matthies anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen Kontinenten, trugen lokale Dolmetscher, Führer, Informanten und Transporteure ganz wesentlich zum Erfolg von Expeditionen und damit zur „Vermessung der Welt“ bei. Das geographische und kartographische Wissen, welches Europäer später in ihren Berichten und Büchern ausbreiteten, stammte häufig von ihren indigenen Begleitern, wobei dieser Umstand in der Regel keine Erwähnung fand. Und ohne die Sprachkenntnisse und Übersetzungsleistungen ihrer einheimischen Mitfahrer wäre so manche Expedition sehr rasch gescheitert.

Die persönlichen Beziehungen zwischen europäischen Forschungsreisenden und ihren lokalen Helfern sind allerdings nur selten rekonstruierbar. In der Regel, schreibt Matthies, „handelte es sich wohl um asymmetrische, hierarchische und paternalistisch geprägte komplexe Beziehungsmuster, in denen die europäischen Persönlichkeiten als wohlwollende ‚Patrone‘ bzw. ‚Herren‘ gegenüber ihren ‚treuen Dienern‘ dominierten.“

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Gleichwohl schlossen sich viele der einheimischen Begleiter freiwillig den Europäern an, denn diese Zusammenarbeit versprach materiellen Gewinn oder auch Ressourcen für den Machterhalt. Insgesamt gelingt es dem Autor auf überzeugende Weise, die zentrale Rolle von Angehörigen verschiedener Gesellschaften in Afrika, Asien und den Amerikas für die Geschichte der Entdeckungen zu beleuchten.

Rezension: Prof. Dr. Andreas Eckert

Volker Matthies
Im Schatten der Entdecker
Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender
Ch. Links Verlag, Berlin 2018, 246 Seiten, € 28,–

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