Jütte, Daniel Das Zeitalter des Geheimnisses – Juden, Christen und die Ökonomie des Geheimen (1400 –1800) - wissenschaft.de
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Jütte, Daniel

Das Zeitalter des Geheimnisses – Juden, Christen und die Ökonomie des Geheimen (1400 –1800)

Secret sells: „Geheimnisse“ haben im 21. Jahrhundert mehr denn je Konjunktur, siehe die Flut von Veröffentlichungen zu „Nine eleven“. Mehr denn je gilt auch die Regel, dass nichts so glaubwürdig ist wie das Unglaubliche. Repräsentative Untersuchungen haben ergeben, dass die meisten Leser Dan Browns – wissenschaftlich betrachtet mehr als abwegige – Thesen zum „Da-Vinci-Code“ und den „Illuminati“ für überzeugend halten.

Es besteht also kein Anlass, den „Händlern des Geheimen“ in der frühen Neuzeit mit hochgezogenen Augenbrauen oder gar mit gerümpfter Nase gegenüberzutreten, umso weniger, als zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert die Trennlinie zwischen „seriöser“ Wissenschaft und Scharlatanerie keineswegs eindeutig gezogen war. Umso wünschenswerter ist eine kritische Sichtung der Methoden, Ansätze, und Ergebnisse, die die historische Wissenschaft zur Ökono-mie des Arkanen in den letzten Jahrzehnten vorgelegt hat.

Ein solcher Forschungsbericht steht am Anfang des Buchs von Daniel Jütte. Der Autor definiert so zugleich sein eigenes Thema und dessen Innovationspotential: Es geht darum, die Rolle der Juden als Vermittler von Geheimwissen zu erforschen. Diese Rolle spielten sie naturgemäß vor allem im Umgang mit den Regierenden, die sich von Alchemie, Chiromantie, Metallurgie und Geheimschriften Herrschaftsvorteile und Machtgewinne versprachen.

Damit ist zugleich erklärt, um welche „Geheimnisse“ es dabei ging: um die sogenannten secreta, die sich im Gegensatz zu den unauflöslichen Mysterien durch unermüdlichen Forschergeist erschließen und als Spezialkenntnisse vermarkten ließen. Geheim in diesem Sinn bedeutet also, nützliches Wissen nur engen, konkret zahlungskräftigen Kreisen zugänglich zu machen. Das war zugleich ein Hoch‧risikogeschäft: Unzufriedene Kunden neigten zu Rachehandlungen, Inquisitoren witterten Häresie, Hexenjäger Bündnisse mit dem Teufel.

Noch gefährlicher wurde es für jüdische „Secretum-Broker“, weil dieser Beruf antisemitische Klischees provozierte. Die jüdische „Kabbala“ galt als Geheimwissenschaft schlechthin, das Hebräische als Geheimsprache, fatale antisemitische Instinkte konnten sich hier also ungehemmt austoben. Das zeigt – wie der Autor eindrucksvoll nachweist – am beklemmendsten der berüchtigte Justizmord an dem württembergischen Hofjuden Joseph Süß Oppenheimer, der von seinen Gegnern in Analogie zu einem Prozess von 1597 als betrügerischer Alchimist verleumdet wurde. Vielfältig bedroht war auch der Lebensweg des Abramo Colorni (um 1544 –1599), dessen Schilde-rung und Deutung ungefähr die Hälfte des fesselnd geschriebenen Buchs ausmachen.

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Colorni, der aus einer angesehenen jüdischen Familie Mantuas stammte, war ein ausgewiesener Ingenieur und hatte überdies so ziemlich alles im Angebot, was ein guter professore de’ secreti, ein „Lehrer der Geheimnisse“, an den Fürsten bringen konnte: von geheimen Rechentechniken über Alchemie und magische Kunststücke bis hin zu Methoden der Zukunftsschau. Damit hatte Colorni am Hof der Herzöge von Ferrara zeitweise großen Erfolg, doch wurde auch er am Ende seines Lebens verfolgt und zeitweise eingekerkert.

Daniel Jütte gelingt es, das komplexe Umfeld der frühneuzeitlichen Geheimwissenschaften und ihre Vermarktung ohne falsche Vereinnahmung und Überheblichkeit in ihrem kulturhistorischen Umfeld zu schildern und zu deuten – das alles in der einzig angemessenen, das heißt einer mustergültig klaren und zugleich anschaulichen Sprache. Dass er dabei ganz selten auch falschen Geheimnachrichten Glauben schenkt – die Giftmorde im Auftrag des venezianischen „Rats der Zehn“ sind keinesfalls sicher be-zeugt –, ist nur menschlich und mindert den Wert dieser herausragenden Studie nicht.

Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt

Jütte, Daniel
Das Zeitalter des Geheimnisses – Juden, Christen und die Ökonomie des Geheimen (1400 –1800)
Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, 420 Seiten, Buchpreis € 54,95
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