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Ute Planert

Der große Beweger

dam1121bue01.jpgNur wer das Einmaleins des 19. Jahrhunderts beherrscht, versteht die höhere Mathematik der Moderne. So oder so ähnlich würde Ute Planert formulieren. Die Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Köln ist eine der besten deutschen Kennerinnen des 19. Jahrhunderts. Und weil dieses Jahrhundert ohne Napoleon, den großen Beschleuniger, nicht denkbar ist, war es nur eine Frage der Zeit, wann sie sich mit der Gestalt des bedeutenden Korsen befassen würde.

„Napoleons Welt. Ein Zeitalter in Bildern“: Titel und Untertitel des Buches verraten, dass es sich nicht um eine klassische Biographie handelt. Napoleon wird, kräftigt unterstützt von Abbildungen, in die Epoche gestellt, die ihn prägte und die er beeinflusst hat wie kein Zweiter. Beeindruckend ist die Souveränität, mit der Planert in kräftigen Farben das Zeitalter wiedererstehen lässt, in das Napoleon hineingeboren wurde. Es war das Zeitalter der Revolutionen.

Mit dem geistigen Rüstzeug der Aufklärung drängte das Bürgertum überall zur Teilhabe an der Macht. Die Umwälzungen sind vielförmig: Mal richteten sie sich, wie im Fall Nordamerikas, gegen die Kolonialmacht, mal, wie im Fall Frankreichs, gegen König und Kirche. Mal sind sie über die Region hinaus kaum wahrnehmbar, wie die Aufstände der Indigenen gegen die englischen Siedler, mal sind es nicht die Beherrschten, sondern die Herrscher selbst, die die Axt anlegen. Der Revolution von oben widmet die Autorin am Beispiel des Josephinismus in den Österreichischen Niederlanden ein eigenes Kapitel.

Die Welt ist also schon in Bewegung, als der Beweger Napoleon Bonaparte auf den Plan tritt. In Planerts Buch geschieht das auf Seite 66; da hat der Leser schon ein Drittel des Umfangs hinter sich. Den militärischen Seriensieger Napoleon handelt Planert nur beiläufig ab. Weitaus mehr Raum billigt sie dem Staatsmann zu, der selbst seinen „Code civil“ höher veranschlagte als Austerlitz, die „schönste“ seiner Schlachten. Manche seiner Reformtaten überlebten das Scheitern des Empire und wirken bis heute nach, auch in Deutschland. Planerts Napoleon ist bei allem Genie kein Alleinunterhalter. Seine Herrschaft, bilanziert sie urteilssicher, „wirkte als Katalysator laufender Prozesse, ihr Heros war Akteur und Getriebener zugleich“.

Einen großen Mehrwert gibt dem Buch die reiche Bebilderung. Die Qualität der 150 Illustrationen ist herausragend. Auffällig, wenngleich unaufdringlich, ist die starke Repräsentanz von Frauengestalten (die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges, Napoleons Schwestern und Ehefrauen, die Mutter Letizia, Maria-Karolina von Neapel-Sizilien oder Lady Hamilton). Das Cover zeigt den Sphinx von Giseh, der nachdenklich sinnend auf einen unbestimmt dreinblickenden Kaiser schaut (nach einem eher unbekannten Kaiser-Gemälde von Anne-Louis Girodet-Trioson).

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Ihr Buch wolle „eine Entdeckungsreise zu den Ursprüngen des modernen Europa und seinen Wirkungen auf die außereuropäische Welt“ sein, schreibt Planert. Es empfiehlt sich, die Einladung anzunehmen.

Rezension: Dr. Günter Müchler

Ute Planert
Napoleons Welt
Ein Zeitalter in Bildern
Verlag wbg Theiss, Darmstadt 2021, 192 Seiten, € 40,–

 

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