Angelos Chaniotis Der Hellenismus, anschaulich gemacht - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Angelos Chaniotis

Der Hellenismus, anschaulich gemacht

Nähme man nur die auf Stein überlieferten Zeugnisse zusammen, die in diesem Buch zitiert werden, so reichte das schon für ein höchst erhellendes Leseerlebnis. Eine kaiserzeitliche griechische Grabinschrift aus Bonn lautet so: „Thessalonike war meine Heimat und Hyle war mein Name. Asios, Sohn des Batallos, bezwang mich mit Liebestränken, obwohl er ein Eunuch war. Und so war mein Ehebett fruchtlos. Und nun liege ich hier, so weit entfernt von meinem Vaterland.“

In einem anderen Epitaph spricht ein überfahrenes Schwein, vermutlich dressiert, um bei Festspielen akrobatische Kunststücke vorzuführen oder an Wettläufen teilzunehmen: „Hier ruht ‚das Schwein‘, von allen geliebt, ein junger Vierbeiner, der das Land von Dalmatia verließ, als Geschenk weggebracht. Ich gelangte nach Dyrrhachion und wollte Apollonia sehen, ich durchquerte jedes Land auf meinen eigenen Füßen, allein, unbesiegt. Aber nun habe ich wegen der Gewalt der Räder das Licht verlassen. … Nun liege ich hier, obwohl ich zu jung war, um dem Tod meinen Tribut zu zahlen.“

Angelos Chaniotis versteht es, in seiner Gesamtdarstellung des hellenistischen Zeitalters diese und viele andere Dokumente eindrucksvoll zum Sprechen zu bringen, im ersten Fall von Hyle über die räumliche Mobilität, im Fall des Schweins auch die damalige Erlebniskultur mit ihren Stars und Sensationen.

Seine Entscheidung, die von Alexanders Asienzug ermöglichte Epoche nicht wie sonst oft mit Kleopatras Tod 30 v. Chr. enden, sondern bis Kaiser Hadrian, also bis etwa 138 n. Chr., reichen zu lassen, ist plausibel: Die an Erschütterungen reiche Phase der Reichsbildungen – die wiederum von jähen Wendungen des Kriegsglücks geprägt waren – wurde von einem labilen Gleichgewicht und der langen Überwältigung durch Rom abgelöst. So konnten viele der tiefgreifenden Transformationen des politischen, sozialen und kulturellen Lebens dieser Zeit erst während der vergleichsweise ruhigen Jahrzehnte seit Augustus voll zur Geltung kommen.

Einheit im Sinn erkennbarer Prozesse, aber nicht Gleichförmigkeit, prägte dieses lange hellenistische Zeitalter, und erst die Kaiserzeit war, wie es am Ende mit einer treffenden Metapher heißt, „eine Zeit der Osmose“, der gegenseitigen Durchdringung von verschiedenen Kulturen. Von den Konzepten „Hellenisierung“ und „Romanisierung“ im traditionellen Sinn hat die Forschung längst Abschied genommen.

Anzeige

Besonders stark ist das Buch in den thematisch angelegten Querschnittkapiteln, die von Königen und Königreichen handeln, von der Welt der Bürger, den Städten und Provinzen unter römischer Herrschaft, den ge-sellschaftlichen Gruppen und kulturellen Prozessen sowie – besonders anschaulich – von den Religionen.

Eigene Akzente setzt der in Princeton wirkende Autor, wenn er die hellenistischen Könige nicht primär als Charismatiker, sondern als Meister des Aushandelns von Akzeptanz vorstellt oder die Theatralik der Handelnden genauer analysiert und sie zum roten Faden einer politischen Stilkunde macht. Fazit: ein gelungenes Buch, dessen präzise Übersetzung auch hierzulande viele Leser verdient.

Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter

Angelos Chaniotis
Die Öffnung der Welt
Eine Globalgeschichte des Hellenismus
wbg Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2019, 544 Seiten, € 35,–

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Wissenschaftslexikon

Kin|der|fern|se|hen  〈n.; –s; unz.; TV〉 für Kinder geeignete Fernsehsendungen

HTML  〈IT; Abk. für engl.〉 Hypertext Markup Language (Hypertext–Markierungssprache), eine Programmiersprache, die insbes. zur einheitlichen Gestaltung von Webseiten im Internet verwendet wird

kar|zi|no|gen  〈Adj.; Med.〉 krebserzeugend, krebsauslösend; Sy kanzerogen ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige