Vedder, Ursula Der Koloss von Rhodos – Archäologie, Herstellung und Rezeptionsgeschichte eines antiken Weltwunders - wissenschaft.de
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Vedder, Ursula

Der Koloss von Rhodos – Archäologie, Herstellung und Rezeptionsgeschichte eines antiken Weltwunders

Der Koloss von Rhodos erscheint uns als eines der Sieben Weltwunder wohlbekannt. Es ist nicht schwer, ihn sich mit gespreizten Beinen über der Hafeneinfahrt der Insel stehend vorzustellen. Schade nur, dass dieses Bild mit der historischen Realität nicht übereinstimmt, sondern mittlerweile als Legende aus der Renaissance entlarvt worden ist. Wo aber stand er dann?

Die Archäologin Ursula Vedder verfolgt in ihrem Buch das Ziel, den Koloss „der Sphäre des Phantastischen [zu] entreißen“ (S.11), indem sie einen Gegenvorschlag zur Legende formuliert. Sie plädiert dafür, eine bisher einem anderen Gott zugeordnete Tempelruine im Inneren der Insel als Standort der berühmten Plastik zu betrachten.

Bei dem Koloss handelte es sich ursprünglich um ein Weihgeschenk der Rhodier an ihren wichtigsten Gott Helios. Dieser hatte sich – so zumindest aus Sicht der Rhodier – eine solche Ehrung verdient, da sie die erfolgreiche Verteidigung ihrer Stadt gegen den Makedonenkönig Demetrios I. Poliorketes (304 v. Chr.) auf das Eingreifen des Gottes zurückführten.

Die Statue, die den Sonnengott darstellte, stand nur etwa 30 Jahre; es geht jedenfalls aus antiken Quellen hervor, dass sie um 226 v. Chr. einem Erdbeben zum Opfer fiel. Zum genauen Standort des Kolosses schweigen sich ebendiese Quellen leider aus, möglicherweise weil es ihnen zu selbstverständlich erschien.

An diesem Punkt setzt Vedder an, indem sie aufzeigt, wie in der antiken Praxis normalerweise mit Weihgeschenken verfahren wurde. So sei es üblich gewesen, den Göttern geweihte Standbilder innerhalb der entsprechenden Tempel aufzustellen. Nichts spreche dafür, dass man in Rhodos anders verfahren sei. Also müsse man nach dem Helios-Tempel Ausschau halten. Bedauerlicherweise gilt auch dieser bisher als unauffindbar. Vedder glaubt dagegen, bei einer bisher als Apollon-Tempel klassifizierten Ruine am Abhang südlich der Akropolis handele es sich tatsächlich um das gesuchte Helios-Heiligtum. Sie argumentiert hier schlüssig, dass dieser größte Tempel der Insel wohl kaum dem auf Rhodos eine Schattenexistenz fristenden Apollo zuzuordnen sei. Stattdessen sei dieses Bauwerk dem Schutzpatron der Insel gewidmet gewesen – Helios. Um diese Annahme zu stützen, verweist sie auf die unmittelbare Umgebung der Tempelruine, in der sich ein Stadion befindet, dass allgemein als Sportanlage für Feste zum Ruhm des Helios betrachtet wird. Der Tempel stand also in einem Umfeld, dass eindeutig dem Helios zuzuweisen ist und könnte Teil eines ganzen Gebäudekomplexes gewesen sein.

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Anschließend versucht Vedder mithilfe einer kleinteiligen archäologischen Indizienargumentation ihre These zu untermauern und den Standort der Statue genauer zu bestimmen. Da es keine vergleichbaren antiken Statuen aus demselben Material (Bronze) gibt, unternimmt Vedder an dieser Stelle einen Exkurs, der die Herstellung nachantiker Monumentalskulpturen (u.a. die Bavaria und die Freiheitsstatue) in den Blick nimmt. Die Tauglichkeit dieses Vergleichs in Detailfragen bleibt natürlich diskutabel, der Exkurs erfüllt allerdings insofern seinen Sinn, als dass er die generellen Herausforderungen, unter denen solche Bauten standen, deutlich macht. Zum Schluss kommt Vedder zu dem Ergebnis, der ursprüngliche Standort des Kolosses sei ein Sockelrest innerhalb der besagten Tempelanlage gewesen.

Vedders Argumentation zur Lage des Kolosses von Rhodos erscheint im Ganzen schlüssig, da sie sich am zunächst Naheliegenden hält und überzeugend aufzeigt, woran die vorgebrachten Alternativvorschläge zum Standort des Kolosses kranken. Außerdem gelingt es ihr, ihre Hypothesen mit archäologischen Befunden zu stützen, wenn sie auch einräumt, dass eine ausführlichere archäologische Dokumentation des Tempelkomplexes notwendig sei, um ihre Überlegungen zu validieren.

So sehr Vedders Forschungsarbeit überzeugt, so sehr verärgert leider der Anmerkungsteil und Anhang dieses Buches.

Zwar ist es sinnvoll, dass Vedder den Fließtext durch die Auslagerung längerer Quellentexte und ausführlicher Grabungsbefunde entlasten will, das Ergebnis ist jedoch chaotisch. So konkurrieren direkte Verweise auf den Anhang (z.B. so: „Anhang Rezeption 5“) mit Fußnoten, die dann wiederum in den Anhang verweisen. Der Anhang selbst ist mit Kommentaren der Autorin angereichert, welche selbst wieder mit Fußnoten versehen sind. Auf ein Literaturverzeichnis wurde verzichtet, sodass das Zusammensuchen der verwendeten Forschungsliteratur einer Sisyphusarbeit gleicht. Das ist vor allem deswegen schade, weil Vedder ihrem gesetzten Anspruch, eine Forschungslücke zu schließen, sehr gerecht wird, es aber durch eine fehlende systematische Übersicht schwierig ist, zu rekonstruieren, was bisher zu dem Thema geschrieben wurde.

Auch der strukturelle Aufbau des Buches wirft Fragen auf: So ist der Analyseteil durch den Anhang von der Zusammenfassung getrennt und die Bilder sind durch die Zusammenfassung vom restlichen Anhang separiert. Gerade die Bilder hätten in dem durchgehend auf Hochglanzpapier gedruckten Buch besser eingebunden werden können, etwa zur Stützung der oft deskriptiven Argumentation im Analyseteil. Positiv ist zu erwähnen, dass ein Index vorhanden ist.

Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass sich der Verlag nicht ganz entscheiden konnte, ob er ein Fachbuch publizieren oder ein breitere Leserschaft ansprechen wollte.

Rezension: Moritz Herzog-Stamm

Vedder, Ursula
Der Koloss von Rhodos – Archäologie, Herstellung und Rezeptionsgeschichte eines antiken Weltwunders
Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz 2015, 168 Seiten, Buchpreis € 29,99
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