Der Sturz des Reformers - wissenschaft.de
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Der Sturz des Reformers

dam0618bue02.jpgDas „Rätsel Gorbatschow“ besteht darin, dass er im Ausland als „Friedensstifter“ verehrt wird, in Russland hingegen als „Vaterlandsverräter“ in tiefe Ungnade gefallen ist. Die Gründe erläutert der Historiker William Taubman auf der Basis von aufschlussreichen Archivquellen und Zeitzeugeninterviews. Seine aus-führliche Biographie vermittelt interessante Einsichten in das Leben und Wirken des letzten sowjetischen Parteichefs, der 1985 mit dem ambitionierten Ziel in den Kreml gezogen war, die längst überfällige, von seinen greisen Vorgängern verschleppte Modernisierung der Sowjetunion anzugehen.

Mit klugem Blick sowohl für die großen Kontexte der Zeit als auch für kleine Details erläutert Taubman, dass Gorbatschow kein Demokrat westlichen Zuschnitts war, sondern sich in der Nachfolge Lenins als sozialistischer „Gesinnungstäter“ verstand und einen neuen Aufbruch ins Zeitalter des Kommunismus wagen wollte. Mit seinen Friedensinitiativen war Gorbatschow maßgeblich daran beteiligt, den Kalten Krieg zu beenden. Innenpolitisch zahlte sich sein politischer Wagemut jedoch nicht aus. Wegen seines Feldzugs gegen den Alkohol und längst überkommene Parteidogmen galt der letzte Generalsekretär im sowjetischen Volksmund bald als „Mineralsekretär“ und „Generaldissident“.

Gestartet als charismatischer Reformer und Antreiber, wurde er immer mehr zum Getriebenen. So trat die von Gorbatschow versprochene strahlende Zukunft auf katastrophale Weise ein, als sich im April 1986 im ukrainischen Tschernobyl ein nuklearer Super-GAU ereignete. Dieses Desaster, dem bald weitere Schreckensmeldungen folgten, wurde zum Offenbarungseid der maroden Sowjetwirtschaft. Überzeugend legt Taubman dar, dass die ökonomische Talfahrt schließlich in einen Absturz überging, weil Gorbatschow immer wieder zauderte und sich nicht zu einem konsequenten Wirtschaftskurs durchrang.

Unter dem Slogan „Glasnost“ hatte Gorbatschow 1986 Meinungsfreiheit verkündet. Damit ging ein kräftiger Ruck durch die Sowjetgesellschaft, die sich in nie gekannter Weise politisierte und bald immer mehr Druck auch auf Gorbatschow ausübte. Er sah sich daher nach 1989 gezwungen, der Allmacht seiner Partei ein Ende zu setzen. Gleichzeitig kam es in den nicht-russischen Sowjetrepubliken zur „Explosion des Ethnischen“. Umsichtig schildert Taubman, dass immer mehr Menschen auf die Auflösung des Sowjetreichs drangen, weil sie meinten, unabhängige Nationalstaaten könnten die schmerzhaften Herausforderungen der Zeit besser meistern. Als am 25. Dezember 1991 die rote Fahne vom Kreml geholt wurde, war Gorbatschow einer der wenigen, der dem so-wjetischen Imperium damals noch nachweinte.

In der Familien- und Lebensgeschichte des vom südrussischen Dorf in den Kreml aufsteigenden Gorbatschow sieht Taubman einen Grund dafür, warum der Parteichef auch in kritischen Situationen nicht zu den Mitteln politischer Gewalt griff. Anders als es in Peking geschah, ließ er 1989 Demonstrierende nicht zusammenschießen und verzichtete darauf, seinen erstarkenden Gegenspieler Boris Jelzin einzusperren. Gorbatschow vertraute ganz der Kraft des Wortes und nicht der Bajonette. Damit scheiterte er auf wahrlich großartige Weise.

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Mit seinem Buch nimmt Taubman seine Leserschaft mit in die turbulente Endphase der Sowjetgeschichte. Er erklärt mit großer Kompetenz den kurzen Weg von der Krise zum Kollaps und macht verständlich, dass Gorbatschow letztlich auch wegen eigener politischer Fehler vom oft besungenen wind of change aus dem Amt geweht wurde.

Rezension: Prof. Dr. Klaus Gestwa

William Taubman
Gorbatschow
Der Mann und seine Zeit. Eine Biographie
Verlag C. H. Beck, München 2018, 935 Seiten, € 38,–

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