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Sönke Neitzel

Deutsche „Kriegerkultur“

dam0421bue02.jpgDer Autor Sönke Neitzel ist Inhaber des einzigen deutschen Lehrstuhls für Militärgeschichte, der sich an der Universität Potsdam befindet, und ein ausgewiesener Experte für den Zweiten Weltkrieg. In der Vergangenheit hat Neitzel immer wieder Skepsis gegenüber einer von der Kulturgeschichte her gedachten Variante von Militärgeschichte geäußert, einer Variante, die das Sterben, das Töten und die physische Gewalt aus dem Blick verliert. Jetzt macht er diesen „Kern des Krieges“ zum Gegenstand seines Buchs. Anhand eines Längsschnitts durch die Militärgeschichte seit 1871 spürt er dem nach, was er unter einer deutschen „Kriegerkultur“ versteht.

Was sind die Stärken des Buchs? Zunächst einmal das Bemühen, über die vermeintlichen Epochengrenzen 1918, 1945 und 1989 hinauszublicken. Der Autor ist tief in die Archive eingetaucht. Außerdem ist sein Buch fesselnd geschrieben und meinungsstark. Eine „Militärgeschichte“, wie es der Untertitel verspricht, ist „Deutsche Krieger“ allerdings nicht.

Denn Neitzel beschränkt sich auf das Heer; Marine und Luftwaffe werden nicht berücksichtigt. Doch selbst innerhalb des Heeres geht es ihm nur um die Waffengattungen, in denen getötet und gestorben wird und wo sich seiner Meinung nach eine „Kriegerkultur“ entwickelt habe. Wie deutsche Soldaten 1916 vor Verdun, 1943 in Charkow und 2010 bei Isa Khel kämpften, erklärt Neitzel aus den überzeitlichen Anforderungen und der Stärke der militärischen Primärgruppe.

Sein eigentliches Thema ist aber die Frage, wie viel alte „Kriegerkultur“ in der Bundeswehr steckt (oder eben nicht) und welche Probleme sich daraus ergeben. Weil sich die Wehrmacht als Instrument des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs diskreditiert hatte, sei mit ihr seit 1955 auch die Wertschätzung für das „archaische“ Kriegertum über Bord geworfen worden. Die vordemokratischen Helden habe man vom Sockel gestürzt, ohne aber für die Soldaten neue militärische Identifikationsfiguren zu etablieren. Das Konzept der „Inneren Führung“ sieht Neitzel als Ausdruck des Bemühens, das Militär vom Frieden und nicht vom Krieg her zu denken.

Hier mutiert die geschichtliche Gesamtdarstellung zu einer politischen Streitschrift. Das ist an sich nichts Schlechtes; nur sollte man dann auch konkrete Vorschläge bringen. Die bleiben aber leider aus: „Man wird sehen“, ist der letzte Satz des Buchs. Trotzdem aber kann eine Leseempfehlung abgegeben werden: für alle, die sich für spannend geschriebene Militärgeschichte interessieren; für alle, die auch bereit sind, Bücher zu lesen, an deren Thesen sie sich reiben; und für alle Soldaten, die, so der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière 2013 bissig, nach Anerkennung „gieren“.

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Rezension: Dr. habil. Markus Pöhlmann

Sönke Neitzel
Deutsche Krieger
Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine Militärgeschichte
Propyläen Verlag, Berlin 2020, 816 Seiten, € 35,–

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