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Edgar Wolfrum

Deutschland – ein Aufsteiger?

30 Jahre liegt nun schon der Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zurück. Der Heidelberger Zeithistoriker Edgar Wolfrum hat zu diesem Anlass einen an sich nützlichen Überblick über die ersten drei Jahrzehnte der „Berliner Republik“ vorgelegt. Diesen Prozess schildert der Verfasser in zwölf Kapiteln, wobei sein Schwerpunkt auf der Innen- und Außenpolitik sowie der wirtschaftlichen Entwicklung liegt. Eigene Kapitel sind dem globalen Terrorismus, der Flüchtlingskrise, sind Industrienation und Klimawandel, Digitalisierung und Big Data sowie der populistischen Revolte und der deutschen Erinnerungskultur gewidmet.

Allerdings: Bereiche wie etwa Medien, Kultur und Sport kommen deutlich zu kurz, und der Blick ist auf die Eliten gerichtet, nicht auf die Gesellschaft als Ganzes. Daher ist dieses Buch nicht als Handbuch zu verstehen. Der Anspruch des Autors, „unser Heute aus der jüngsten Vergangenheit heraus zu erklären“, wird somit nur ansatzweise erfüllt. Eine zusammenfassende Einschätzung fehlt leider; Wolfrum sieht Deutschland lediglich „wieder einmal auf der Suche“.

Auf die aufwendige, aber Erkenntnis fördernde Sichtung archivischer Quellen verzichtet der Autor. Er bezieht sich vielmehr auf Presseberichte und sozialwissenschaftliche Untersuchungen. Leider sind nicht alle Sachaussagen im Text belegt, vieles ist zudem recht pauschal formuliert, so etwa: „Menschen wollen nicht paternalistisch oder gar respektlos behandelt werden, doch das Verhaltensmuster von Politikern in westlichen Gesellschaften führte oft dazu, dass Menschen sich in ihrem Selbstwert beeinträchtigt fühlten.“

Ein weiteres Beispiel: „Die politische Auseinandersetzung wurde durch einen anklagenden Ton der moralischen Überlegenheit vergiftet. Schuld daran war auch die politische Linke, die es aufgegeben hatte, sich mit einem großen Projekt für das Ganze einzusetzen …“ Problematisch ist auch die unreflektierte Verwendung des Begriffs „Volk“. Und können die gegen „Stuttgart 21“ Protestierenden wirklich als „Wutbürger“ bezeichnet werden, die „sich nicht selten als Brandstifter“ entpuppten?

Deutlich werden die persönlichen Vorlieben des Verfassers, etwa in Bezug auf Helmut Kohl, dem er ein „nahezu geniales Gespür für die Macht“ zuschreibt. Und: „Kohls favorisierter und bis zur Perfektion getriebener Politikstil, den nicht wenige als ‚Aussitzen‘ verunglimpften, lautete: Macht durch Moderation.“

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Fraglich ist, ob – wie es der Titel suggeriert – Deutschland wirklich ein „Aufsteiger“ ist – im Bereich der Digitalisierung der Gesellschaft sicherlich nicht. Fazit: Wolfrum hat einen umfangreichen, subjektiven Essay vorgelegt; nicht weniger, aber leider auch nicht mehr.

Rezension: Prof. Dr. Dr. Rainer Hering

Edgar Wolfrum
Der Aufsteiger
Eine Geschichte Deutschlands von 1990 bis heute
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 368 Seiten, € 24,–

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