Robert Gerwarth Die Besiegten – Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs - wissenschaft.de
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Robert Gerwarth

Die Besiegten – Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs

Im November 1918 endete der Erste Weltkrieg an der Westfront. Doch in anderen Teilen der Welt ging der Krieg nahtlos in ein Kontinuum der Gewalt über, das zum Teil bis 1923 andauerte. Viele Historiker sprechen daher heute nicht mehr nur vom „Großen Krieg“, sondern vom „Langen Ersten Weltkrieg“ oder vom „Greater War“. Schauplätze der anhaltenden Gewalt waren vor allem die zahllosen Bruchzonen, die sich aus der Auflösung der multi‧nationalen Imperien ergaben.

Die Niederlage des Zarenreichs mündete in eine Revolution und in einen Bürgerkrieg, der von Russland mehr Opfer gefordert hat als der Erste Weltkrieg selbst. Auch in anderen besiegten Ländern wie Deutschland, Österreich und Ungarn kam es zu Revolutionen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Besonders blutig war der Bürgerkrieg, der 1918 nach der Unabhängigkeit in Finnland ausbrach. Zwischen den Nachfolgestaaten der besiegten Imperien wie Polen, den baltischen Staaten, So-wjetrussland, der Tschechoslowakei und Ungarn kam es zu zahllosen Konflikten wie dem polnisch-sowjetischen Krieg von 1919 bis 1921. Und auch im Nahen und Mittleren Osten schwiegen die Waffen nach 1918 nicht. Der türkische Unabhängigkeitskrieg, der vor allem gegen Armenien und Griechenland geführt wurde, kostete erneut Hunderttausende das Leben, darunter auch viele Zivilisten.

Dieses lange und blutige Ende des Ersten Weltkriegs nimmt der in Dublin lehrende Historiker Robert Gerwarth in seinem Buch in den Blick. Im Zentrum stehen nicht die Pariser Friedensverträge und ihre Auswirkungen. Vielmehr geht es um die Formen, Funktionen und Folgen der andauernden Gewalt, die das Signum der Epoche in den genannten Ländern und Regionen, aber auch in Irland und Italien, war. Fast überall spielte paramilitärische Gewalt eine wichtige Rolle.

Womit ist dieses Kontinuum von Konflikt und Gewalt zu erklären? Hatten sich die am Krieg beteiligten Gesellschaften im Ersten Weltkrieg brutalisiert, wie es der Historiker George L. Mosse 1987 für sehr plausibel hielt? Gerwarth weist diese These mit Recht zurück, erklärt sie doch nicht, warum die Verhältnisse in den Siegerstaaten relativ friedlich blieben. Aber auch die Niederlage allein erklärt noch nicht alles. Hinzu kam eine explosive Gemengelage aus Revolution, Konterrevolution und konkurrierenden Nationalismen. Hinzu kam auch, dass die Sieger weder willens noch in der Lage waren, die von ihnen vertretene Friedensordnung überall durchzu-setzen und in den zahlreichen Konflikten zu intervenieren, denen sie durch ihre Versprechen nationaler Selbstbestimmung teilweise selbst Vorschub geleistet hatten.

Robert Gerwarth ist mit diesem flüssig und anschaulich geschriebenen Buch, das glänzend die Mitte hält zwischen dichter Beschreibung und Deutung, eine Meisterleistung gelungen. Es handelt sich um den bisher besten Überblick über eine Zeit, die uns mit ihren Enttäuschungen und Konflikten heute wieder viel näher ist als noch vor wenigen Jahrzehnten.

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Rezension: Prof. Dr. Oliver Janz

Robert Gerwarth
Die Besiegten – Das blutige Erbe des Ersten Weltkriegs
Siedler Verlag, München 2016, 478 Seiten, Buchpreis € 29,99
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