Stefana Sabin Die Brille: von Kaiser Nero zu Elton John - wissenschaft.de
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Stefana Sabin

Die Brille: von Kaiser Nero zu Elton John

Um einen Gladiatorenkampf besser erkennen zu können, hielt sich der römische Kaiser Nero (37-68 n. Chr.), einer Legende zufolge, einen Smaragd vor die Augen, denn durch die grünliche Färbung des Edelsteins konnte er ungeblendet ins grelle Sonnenlicht schauen. Diese Überlieferung gilt als der Beginn der Entstehungsgeschichte der Brille, und Neros Smaragd als ein antiker Vorläufer der Sonnenbrille. Zur gleichen Zeit beschäftigte sich auch schon Seneca mit der Entwicklung einer Sehhilfe, die Schriften vergrößerte – seine mit Wasser gefüllten Kugeln waren eine frühe, jedoch unpraktische, Version der Lupe. Der Jahrhunderte währende Entstehungsprozess der Brille ist das Thema der Literaturwissenschaftlerin Stefana Sabin. Spannend und eingängig erzählt sie von dem arabischen Mathematiker Alhacen, der im 12. Jahrhundert als Erster die Eignung gewölbter Glasoberflächen zur optischen Vergrößerung erkannte, und wie anhand dieser Vorlage die ersten „Lesesteine“ aus Beryll geformt wurden. Durch die aufkommende Glastradition in Italien entwickelten sich diese bald zur Nietbrille (die nun konvex geschliffenen einzelnen Gläser werden durch eine Fassung aus Holz, Leder oder Horn verbunden), bis im 18. Jahrhundert der Engländer James Ayscough zum ersten Mal eine Brille mit seitlichen Armen herstellte, die wenig später vom Pariser Optiker Thomin zur „Schläfenbrille“ weiterentwickelt wurde – diese ist noch heute die Basis der modernen Brille.

Doch erzählt das Buch mehr als nur die technische Entstehungsgeschichte der Brille, denn die Autorin beschäftigt sich vor allem mit deren kulturellen Auswirkungen und ihrer Symbolik, wie sie in Kunstwerken, Gedichten, Theaterstücken, Büchern, Filmen oder der Werbung dargestellt wurden, von Kaiser Nero bis zu Elton John. Zum Beispiel erzählt Sabin von der wohl frühesten bildlichen Darstellung eines Brillenträgers auf einem italienischen Fresko von 1352, das den Kardinal Hugo von St. Cher mit Augengläsern beim Lesen und Schreiben zeigt. In der modernen Kunst ist die Brille noch häufig ein integraler Teil des Selbstporträts, wie beispielsweise auf zwei Selbstbildnissen (1928 und 1944) von Karl Schmidt-Rottluff zu sehen ist. Außerdem erzählt die Autorin von verschiedenen kulturellen Konnotationen der Brille, zum Beispiel im heutigen Hollywood. So ist die Brille eines Mannes in der modernen Filmkultur meist Zeichen von Kompetenz und Intelligenz (wie beim bebrillten Journalist Clark Kent alias Superman), während die Frau sich oft erst zu einer attraktiven Person entwickelt, nachdem sie sich ihrer Brille entledigt hat („glasses-come-off“-Komödienschema). Es wäre hier noch interessant gewesen, die Bedeutung der Brille in anderen Teilen der Welt, etwa in Afrika oder Asien, zu untersuchen, die bis auf einen kurzen Abstecher nach Japan fast vollständig vernachlässigt werden. Die Autorin bettet die Entstehung der Brille durchweg in bedeutende geschichtliche Prozesse ein, argumentiert zum Beispiel, dass die Brille die Alphabetisierung unterstützte und die Arbeitsbedingungen erheblich erleichterte. Die Verbreitung der Brille, so Sabin, gab der Zivilisation einen bedeutenden Schub.

 Trotz der Kürze des Buches, schafft es die Autorin, eine Fülle an Ideen und Geschichten zu präsentieren. Fazit: Die Brille ist mehr als nur ein banales Alltagsobjekt – sie ist Sehhilfe, Mode-Accessoire, Inbegriff des Fortschritts und voller kultureller Symbolik.

Rezension: Charlotte Alt

Stefana Sabin
AugenBlicke
Eine Kulturgeschichte der Brille
Wallstein Verlag, Göttingen 2019, 96 Seiten mit 34 farbigen Abbildungen, 18,00€

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