Overy, Richard Die Diktatoren – Hitlers Deutschland, Stalins Rußland - wissenschaft.de
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Overy, Richard

Die Diktatoren – Hitlers Deutschland, Stalins Rußland

Die Diktaturen Hitlers und Stalins werden hier nicht zum erstenmal verglichen. Im Zeichen der Totalitarismus-Forschung hatte die Konstruktion von Verwandtschaften sogar Konjunktur. Bemerkenswert an dem Versuch des britischen Historikers Richard Overy ist die Systematik, nach der er seine komparative Betrachtung gliedert: die „Kunst des Regierens“, „Personenkulte“, die „Staaten des Terrors“, die „Errichtung von Utopia“, das „moralische Universum der Diktatur“, „Kulturrevolutionen“, „Kommandowirtschaft“ und „totaler Krieg“, um einige Kapitelüberschriften zu nennen.

In ihrem Rahmen kommt der Autor zu abgestuften Zwischenbilanzen, die bei allen Differenzen zwischen den Systemen doch eine ausgeprägte Tendenz zur Ähnlichkeit nahelegen. Overys Buch ist von der Absicht bestimmt, die beiden Diktaturen aus ihren eigenen Grundlagen heraus zu rekonstruieren und dabei deutlich zu machen, daß es ihnen gelungen ist, im Einklang mit der jeweiligen Gesellschaft zu stehen oder doch einen hohen Grad an Akzeptanz zu erreichen. Im Nationalsozialismus wie im Stalinismus sieht der britische Historiker das zwanghafte, aber eben gewollte Bemühen am Werk, eine „Utopie“ von „neuen“ oder „idealen Menschen“ in die Wirklichkeit umzusetzen. Attribute wie „kollektiv“, „antibürgerlich“, „organisch“, „gemeinschaftlich“ liefern die notwendigen Stichworte. So richtig der Hinweis darauf ist, daß beide Systeme durch eine „radikale Ablehnung des Humanismus“ bestimmt sind, so fraglich bleibt der positive Definitionsversuch des „neuen Menschen“. In der Abstimmung von Machtstruktur und Ideologie klaffen argumentative Lücken.

Noch deutlicher wird das Gefangensein des Autors in Oberflächenphänomenen bei seiner These, daß beide Regimes einer „szientistischen“, also wissenschaftlichen Grundlegung entspringen, das Stalinsche einer sozialtheoretischen und das Hitlersche einer biologistischen. Bei aller Kritik, die heute an Marx formuliert wird, ist doch unbestritten, daß seine Theorie nicht mit dem Konglomerat an pseudowissenschaftlichen Versatzstükken der nationalsozialistischen Rassenlehre zu vergleichen ist. Die scheinwissenschaftliche Verkleidung rassistischer Vorurteile diente wohl Legitima-tionszwecken, doch: Der Terror folgte nicht aus einer angeblichen Wissenschaft, diese Wissenschaft selbst war der Terror. Die Funktionalisierung pseudowissenschaftlicher Lehrsätze (denen sich dennoch seriöse wissenschaftliche Einrichtungen unterstellt haben) im Interesse eines ungehemmten Gewaltanspruchs gerät aus dem Blickfeld.

Geradezu unsinnig wird die Argumentation, wenn Overy den „Krieg gegen die Juden“ (!) nicht als „Ausdruck … der Macht, sondern der Angst“ interpretiert. Keine Kategorie paßt hier. Gewiß spricht der Autor von den „Phantasmagorien einer jüdischen Weltverschwörung“, doch glaubt er offenbar der nationalsozialistischen Führung, daß sie sich in der „Defensive“ sah. So kommt es zu der abenteuerlichen Feststellung, daß die Unterdrückung beider Diktaturen aus „Schwäche“ resultierte. Angesichts des Volumens der vorliegenden Studie hätte man erwarten können, daß neue, auch vergleichende Forschungen stärkere Berücksichtigung gefunden hätten. Wichtige Aspekte der gesellschaftlichen Strukturen und der Machtorganisation in beiden Ländern bleiben ausgeblendet oder nebensächlich. Auch das in seiner jeweiligen Spezifik unterschiedliche Gewaltpotential und die Kriegsfixierung werden analytisch kaum verarbeitet. In der Summe hat Overys Diktaturenvergleich zu viele Mängel, um zu einem besseren Verständnis der Epoche beizutragen.

Rezension: Eichwede, Wolfgang

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Overy, Richard
Die Diktatoren – Hitlers Deutschland, Stalins Rußland
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2005, 1023 Seiten, Buchpreis € 48,00
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