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Chen, Feng

Die Entdeckung des Westens – Chinas erste Botschafter in Europa 1866–1894

„Ich glaube, daß die Europäer früher Barbaren waren. Literatur und Politik kamen für sie aus Asien. Aus diesem Grund ähneln ihre Sitten und ihre alten Gegenstände denen der chinesischen Antike. … Man kann sich das alte China vorstellen, indem man Europa heute betrachtet.” Die ethnozentrische Wahrnehmung Europas von außen, wie sie aus den obigen Zeilen spricht, ist uns wenig vertraut. Sie stammt von Zeng Jieze, dem ersten chinesischen Gesandten in London. Die Diplomatie mußten die Chinesen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert erst erlernen, war doch ihre Welt nicht weniger ethnozentrisch als Europa. Diplomatische Beziehungen hatte man zunächst gar nicht unterhalten, und auch später war der auswärtige Dienst schlecht angesehen. Verachtet und zuhause beschimpft, gerieten die ersten Emissäre unvermeidlich in den Geruch der Illoyalität. Peking hatte sie notgedrungen in den Westen geschickt, da dessen Stärke nicht mehr ignoriert werden konnte: Durch zwei Kriege, 1840-1842 und 1858, hatten die Europäer China nämlich zur Einfuhr von Opium, Bibeln und anderen westlichen Produkten gezwungen. Stärke allein ist freilich noch kein Grund für Respekt. Stark können auch Barbaren sein. Eine eigenständige hochentwickelte Zivilisation außerhalb Chinas konnten sich die Chinesen jener Zeit einfach nicht vorstellen. Was der Westen an Leistungen hervorgebracht hatte, mußte aus China stammen, so sahen diese Männer, die zur gebildeten Elite gehörten, die Welt. Das Buch „Die Entdeckung des Westens” von Feng Chen beschreibt den intellektuellen Prozeß, in dem die ersten chinesischen Botschafter in Europa durch eigene Anschauung zu einer Transformation des sinozentrischen Weltbildes kamen. Die Historikerin, in Peking geboren und in Paris ausgebildet, hat die Tagebücher und Aufzeichnungen der ersten zehn Gesandten untersucht, die von China in die europäischen Metropolen geschickt wurden. Nur langsam erkannten die Chinesen in Europa mehr als ein Defizit, den Makel eben, nicht China zu sein. Und nur langsam rückt man in Europa davon ab, in den Chinesen Abgesandte einer halbzivilisierten Nation zu sehen. Die Autorin charakterisiert den Blickwinkel der chinesischen Botschafter als ethnographisch avant la lettre. Der ganzheitlichen Tradition ihres eigenen Geisteslebens entsprechend, nahmen sie Sitten und Bräuche, Religion, Familie, Städtebau, Transportwesen als ein komplexes Ganzes wahr und suchten nach einem zugrunde liegenden Prinzip, dem „Weg” Europas. Die im Westen schon fortgeschrittene Differenzierung der moderenen Welt in die verschiedenen Sphären von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur war ihnen fremd. So beschreiben sie vor allem, was ihnen auffiel: seltsame Veranstaltungen wie den Hofball; Diners, an denen Damen und Herren gemeinsam teilnehmen; naturalistische Malerei mit Farben und Perspektive; Theater, Museen, Gesellschaften; die Rituale der Europäer rund um verschiedene Getränke. Beeindruckt waren sie von den großen Städten mit ihren prächtigen und abends hell erleuchteten Boulevards. Es überraschte sie, daß eine Metropole wie London keine Stadtmauer hat. Europas Urbanität, schloß einer von ihnen, sei der Schlüssel zu seiner Zivilisation. Sind die technischen Neuerungen des Westens – Dampfschiff, Eisenbahn, Elektrizität – für China nutzbar zu machen? An dieser Frage zeigt sich, wie tief verwurzelt die Chinesen in ihren Denkkategorien waren und auf wie überraschende Weise technische Innovation und kulturelle Tradition aufeinander prallen können. Die Eisenbahn sei für China keine Option, argumentierten die Chinesen, denn für ihren Bau müßten die überall im Land verstreuten Gräber der Vorfahren verlegt werden; ein Unding in einem Land, wo die Ahnenverehrung so viel bedeutet wie in China. Einen ungewohnten Blick auf Europa und China eröffnet diese Buch, das zugleich ein Stück Diplomatiegeschichte schreibt und anschaulich macht, auf wie komplexe Weise Politik, Technik und Kultur zusammenwirken, um die Welt zu verändern.

Rezension: Coulmas, Florian

Chen, Feng
Die Entdeckung des Westens – Chinas erste Botschafter in Europa 1866–1894
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2001, 183 Seiten, Buchpreis € 11,90
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