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Joachim Radkau

Die Idealistin

dam0622bue02neu.jpg„Warum ist es an der Zeit, das von 1816 bis 1903 reichende Leben dieser einst europaweit bekannten Frau neu zu entdecken?“, fragt der Autor Joachim Radkau in der Einführung zu seiner umfangreichen Biographie Malwida von Meysenbugs. Und er kommt zum Ergebnis: „Sie wirkte durch ihre Vielfalt persönlicher Beziehungen und durch ihre Lebensgeschichte.“ Vor allem aber interpretiert Radkau das Leben seiner Protagonistin als „ein Kaleidoskop des 19. Jahrhunderts, gerade auch seiner reizvollen Seiten – seiner geistigen, künstlerischen, nicht zuletzt auch musikalischen Welten“.

Dieses Kaleidoskop breitet der Autor im Folgenden ausführlich und differenziert aus. Er sucht den Lebensweg, die Anschauungen, die Entwicklungsphasen und Beziehungen seiner Heldin aus ihrem mehr als umfangreichen Briefwechsel zu erschließen, den sie mit zahlreichen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts führte. Radkau liefert keine streng chronologische Lebensgeschichte, sondern gliedert das Leben Meysenbugs nach der Abfolge ihrer (Brief-)Beziehungen. Er wandert in den Beziehungsgeschichten zeitlich vor und zurück, immer auf der Suche nach dem philosophischen, religiösen und kulturellen Gehalt der Briefe.

Ein knapp ausfallender Überblick über das erste Vierteljahrhundert des bildungsbürgerlich geprägten Lebens der Tochter eines kurhessischen Ministers streift Malwidas Erfahrungen im Vormärz und ihre religiösen Zweifel in den 1830er Jahren. Er leitet über in die Briefe mit dem Theologiestudenten und 1848er Theodor Althaus, mit dem Malwida Freundschaft, ja unerfüllte Liebe verband. Kurze Berichte über ihre Begeisterung für die Revolution, ihr Studium und ihre Tätigkeit an der Hamburger „Hochschule für das weibliche Geschlecht“ 1850 bis 1852 münden in eine ausführliche Schilderung der folgenden Jahre im Londoner Exil.

Ein Leben mit vielfachen Ortswechseln schließt sich an, das Radkau zufolge vor allem durch ihre Bekanntschaften und Freundschaften erst zu Mit-Emigranten (so das Ehepaar Johanna und Gottfried Kinkel, Carl Schurz, Alexander Herzen), dann zu weiteren Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts (Richard Wagner, Friedrich Nietzsche) geprägt war. Mit ihren „Memoiren einer Idealistin“ gelang Malwida von Meysenbug schließlich um die Jahrhundertwende ein eigenständiger literarischer Durchbruch. Das Buch, das bereits seit 1869 vorlag, traf nun offensichtlich mit seiner Betonung des Rechts auf Individualität und selbstbestimmte Lebensführung den Zeitgeist.

Wie ist die Schilderung des Lebenswegs der Protagonistin zusammenfassend zu bewerten? Wer sich für das Selbstverständnis, die Innenschau und Selbstinszenierung bildungsbürgerlicher Kreise im 19. Jahrhundert interessiert, wird in der Biographie reiches Material finden. Wer wissen möchte, wie eine unverheiratete Frau mit bildungsbürgerlichem Hintergrund, ohne systematische Bildung oder gar Berufsausbildung, sich im Exil als Erzieherin verdingend und auf die Unterstützung wohlhabender Bürgerkreise angewiesen durchs Leben kämpfte, muss zwischen den Zeilen lesen.

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Rezension: Prof. Dr. Sylvia Schraut

Joachim Radkau
Malwida von Meysenbug
Revolutionärin, Dichterin, Freundin: eine Frau im 19. Jahrhundert
Hanser Verlag, München 2022, 592 Seiten, € 38,–

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Wissenschaftslexikon

Schup|pen|flos|ser  〈m. 3; Zool.〉 bunter Fisch, dessen Schuppen auf die Flossen übergreifen

Kunst|sprin|gen  〈n.; –s; unz.; Sp.〉 Zweig des Schwimmsports, kunstvolle Sprünge (Salto u. a.) vom Sprungturm

selbst|tra|gend  〈Adj.; Tech.〉 sich selbst tragend, ohne Stütze von außen ● eine ~e Dachkonstruktion; ein ~er Aufschwung der Wirtschaft 〈fig.〉

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