Faludi, Christian (Hrsg.) Die "Juni-Aktion" 1938 – Eine Dokumentation der Radikalisierung der Judenverfolgung - wissenschaft.de
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Faludi, Christian (Hrsg.)

Die „Juni-Aktion“ 1938 – Eine Dokumentation der Radikalisierung der Judenverfolgung

Im öffentlichen Bewusstsein dominieren, was die NS-Verfolgungspolitik des Jahres 1938 betrifft, die November-Pogrome. Manche wissen aber auch, dass mit dem „Anschluss“ Österreichs schon im März 1938 durch Adolf Eichmann und andere ein Radikalisierungsschub in der Judenverfolgung einsetzte. Zeitlich dazwischen spielte sich die bereits wiederholt untersuchte „Juni-Aktion“ ab, Thema dieses Buchs. Die vom Berliner SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) in Gang gesetzten Massenverhaftungen in der jüdischen Bevölkerung Wiens hatten das Ziel, die Betroffenen einzuschüchtern, auszubeuten und sie dann beschleunigt in die Emigration zu treiben. Die Terrormaßnahmen stellten auch die Weichen für das dann folgende reichsweite Vorgehen gegen Juden.

Der Verfasser Christian Faludi unterscheidet in der NS-Politik angemessen zwischen einem eher bürokratisch-ordnungsgemäßen Zugriff auf die jüdische Bevölkerung und einem von oben her geförderten „Radau-Antisemitismus“. Ersteren macht Faludi am Sicherheitsdienst der SS und vor allem an Reinhard Heydrich fest, Letzteren an Propagandaminister Joseph Goebbels und dem Berliner Polizeipräsidenten Wolf Heinrich Graf von Helldorf. Dieser unterstand formal zwar Himmler und der SS, war aber auch eng mit Goebbels vertraut.

Die Juni-Pogrome wurden eingebettet in eine gleichfalls neuartige Aktion gegen „Gemeinschaftsfremde“, worunter man vornehmlich „Asoziale“ und „Arbeitsscheue“ verstand. Hier ließen sich auch umstandslos Juden einbeziehen. Die von Berlin gesteuerte Aktion von Mitte Juni griff auf das ganze Reich über, erregte im Ausland Aufsehen und wurde auch deswegen schon am 22. Juni 1938 abgebrochen. Faludi gibt die Zahl von 12 000 Männern an, die im Verlauf dieser Aktion in Konzentrationslager, vorwiegend nach Buchenwald, verschleppt wurden.

Mit der Einordnung in die NS-Verfolgungspolitik hält sich der Verfasser zurück, betont jedoch für die damalige Zeit den Primat der Austreibung in die Emigration: Die Mischung von öffentlicher Verfolgung, Einschüchterung und bürokratischer Regelung war dafür charakteristisch.

Das Buch besteht aus einer knapp 100-seitigen Einleitung, die detailliert die Vorgänge darlegt und exemplarisch auch über Wien und Berlin hinaus einen Blick auf Bremen und Frankfurt wirft. Danach folgt ein 300-seitiger Dokumentenanhang. Diese Dokumente mögen mühselig aus vielen Archiven zusammengesucht worden sein, aber einerseits sind viele bereits andernorts gedruckt, andererseits enthalten manche banalste bürokratische Vorgänge. Es bleiben nur wenige neue, wirklich aussagekräftige Quellen.

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Ob die Dissertation Faludis über diesen Band hinausgehen kann, bleibt abzuwarten. Der Rezensent hätte sich jedenfalls gern mit der sorgfältigen Einführung des Verfassers begnügt. Dokumente dieser Art kann man heute aber auch gut ins Netz stellen.

Rezension: Prof. Dr. Jost Dülffer

Faludi, Christian (Hrsg.)
Die „Juni-Aktion“ 1938 – Eine Dokumentation der Radikalisierung der Judenverfolgung
Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2013, 420 Seiten, Buchpreis € 39,90
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