Morstadt, Bärbel Die Phönizier – Geschichte einer rätselhaften Kultur - wissenschaft.de
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Morstadt, Bärbel

Die Phönizier – Geschichte einer rätselhaften Kultur

Der Einband lässt nichts Gutes ahnen: „Geschichte einer rätselhaften Kultur“. Mit solchen Untertiteln schmücken sich „Sachbücher“, die ihr Publikum beleidigen, indem sie seine Intelligenz gröblichst unterschätzen. Was denn bitte soll so „rätselhaft“ an den Phöniziern sein, außer dass wir, bedingt durch die nicht eben reichlich sprudelnden Quellen, relativ wenig über sie wissen? Und der ethnisch fundierte Kulturbegriff, der hier anklingt, sollte doch eigentlich ausgedient haben. So weit, so schlecht?

Durchaus nicht, denn wer Bärbel Morstadts Buch aufschlägt und einer gründlichen Lektüre unterzieht, wird positiv überrascht. Die Verfasserin, seit 2009 Inhaberin der im deutschsprachigen Raum einzigartigen Juniorprofessur für die Archäologie der phönizischen Diaspora, beherrscht ihre Materie souverän. Von der vermeintlich „rätselhaften Kultur“ hat denn auch auf den reichlich 150 Seiten, auf denen Morstadt ihr Wissen ausbreitet, wenig Bestand. Im Gegenteil: Die Autorin entreißt die Phönizier mit reichlich Fakten jeder Mystifizierung, die noch keinem Gegenstand historischer Forschung gutgetan hat.

Vor allem die materielle Kultur der Fernhändler von der Levante gewinnt in dem Buch Prägnanz, gleichgültig, ob sich Morstadt den Sarkophagen von Sidon oder den Überresten phönizischer Siedlungen auf der Iberischen Halbinsel widmet. Allenthalben bewegt sie sich auf der Höhe der in den letzten zwei Jahrzehnten besonders ergiebigen archäologischen Forschung.

In drei Hauptteile hat Morstadt ihren Stoff gegliedert: In einem langen Vorspann beleuchtet sie die Rezeptions- und Forschungsgeschichte, die in weiten Teilen von Rassenvorurteilen und Eurozentrismus überschattet wurde. Völlig zu Recht wendet sie sich gegen die Konstruktion einer völligen Gegensätzlichkeit von Orient und Okzident, betont vielmehr die allen gemeinsame kulturelle Vielfalt, die gerade auch die Phönizier durch sämtliche Stationen ihrer Geschichte stets auszeichnete.

Dem Mutterland in der Levante gilt der Abschnitt „Phönizien“, der das Augenmerk auf die Ereignisgeschichte von 1200 v. Chr. bis zum Hellenismus und die beiden phönizischen Metropolen Sidon und Tyros legt. Besonders ertragreich sind Morstadts Erörterungen der phönizischen Diaspora in Vorderasien und vor allem im Mittelmeerraum; hier kann sie mit viel einschlägiger Expertise punkten.

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Leider stören den positiven Gesamteindruck einige handwerkliche Mängel: Die reichlich schematische Darstellung des historischen Geschehens mag man der Archäologin verzeihen; bedauerlich ist es doch, wenn Geschichte in ihrem prozesshaften Geschehen unterbelichtet bleibt, weil die Kategorien fehlen. Ärgerlich ist auch der hölzerne, wenig anschauliche Stil, der in Kombination mit den Nachweisen, die im Text selbst gegeben werden, den Lesefluss empfindlich stört und das Lektürevergnügen trübt. Ganz tabu sein sollten zusammengewürfelte Kapitel wie „Und außerdem zu erwähnen ist …“ Immerhin findet sich auf der Resterampe ein so wichtiger archäologischer Fundplatz wie Sarepta.

Solche Unzulänglichkeiten, die ein sorgfältiges Lektorat fraglos hätte glätten können, sollten aber nicht davon ablenken, dass hier ein zeitgemäßes, mit Wissenswertem gesättigtes Porträt der Phönizier vorgelegt wird. Dass die Phönizier-Forschung nicht länger am Katzentisch der Klassischen Altertumswissenschaft sitzt, hat Morstadt eindrucksvoll bewiesen.

Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer

Morstadt, Bärbel
Die Phönizier – Geschichte einer rätselhaften Kultur
Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt 2015, 168 Seiten, Buchpreis € 29,95
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