Marcus Böick Die Treuhand – Monster des Kapitalismus? - wissenschaft.de
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Marcus Böick

Die Treuhand – Monster des Kapitalismus?

dam0119bue10.jpgDie deutsche Einheit sei noch nicht vollendet, hört man immer wieder. Auch erinnerungskulturell durchfurchen Ost und West tiefe Spaltungen. Bei den einen rasch verdrängt und vergessen, bei den anderen nach wie vor als Objekt des Hasses präsent, war die Treuhandanstalt eine der wichtigsten Organisationen in und nach der „Friedlichen Revolution“ 1989/90.

Mythenumrankt und umstritten ist die Treuhand bis heute. Hat sie die größte Vernichtung von Produktionskapital in Friedenszeiten vorgenommen? Oder war sie die Grundbedingung für einen geglückten Aufbau in der ehemaligen DDR? Waren die Treuhand-Manager beseelt von einem patriotischen Auftrag, oder agierten sie als Monster des reinsten Kapitalismus? Auch fast drei Jahrzehnte nach ihrem rechtlichen Ende kommt der Treuhandanstalt eine zentrale Rolle vor allem in der ostdeutschen Erinnerung zu. Sie ist der Referenzpunkt für die entfremdete „Abwicklung“ und den rigorosen „Ausverkauf“ nach dem Ende der DDR, und sie scheint dafür verantwortlich zu sein, dass es heute so viele gebrochene Biographien gibt, womit die gesamte Wiedervereinigung in Verruf gerät.

Wie soll man sich einem zeithistorisch so umstrittenen Gebilde nähern und sich dabei nicht, was leicht wäre, einfach auf die eine oder andere Seite schlagen? Der Autor löst diese schwierige Frage bravourös: Ziel des Buchs ist es, die Treuhandanstalt als wirtschaftspolitisches Sondermodell zu verstehen, das sich zu einem Ausnahmeregime fortentwickelte und ungeheure Dynamik entfaltete, der sich die Mitarbeiter nicht entziehen konnten. Böick untersucht zunächst die konzeptionellen und wirtschaftlichen Grundlagen des Treuhand-Modells, um sich anschließend dem Personal und der Organisationspraxis zuzuwenden und dann danach zu fragen, welche erfahrungsgeschichtlichen Prägungen alles bis heute hinterlassen hat. Es handelt sich somit um ein Werk, das an der Schnittstelle von Wirtschafts- und Kulturgeschichte angesiedelt ist.

Die Organisation beschreibt Böick als eine „sich selbst radikalisierende Agentin“ im revolutionären Umbruchgeschehen, das er bis weit in die 1990er Jahre hinein ausdehnt. Das voluminöse Buch, eine Bochumer Dissertation, ist nicht immer einfach zu lesen, aber es ist intellektuell brillant, ungeheuer facettenreich und quellengesättigt. Wer sich auf diese Glanzleistung gegenwartsnaher Zeitgeschichtsschreibung einlässt, versteht die „Friedliche Revolution“ und deren bis heute andauerndes Nachbeben viel besser als zuvor.

Rezension: Prof. Dr. Edgar Wolfrum

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Marcus Böick
Die Treuhand
I
dee – Praxis – Erfahrung. 1990 – 1994
Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 767 Seiten, € 79,–

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