Kulish, Nicholas/Mekhennet, Souad Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher - wissenschaft.de
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Kulish, Nicholas/Mekhennet, Souad

Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher

Aribert Heim gehörte zu jenen Ärzten, die sich im Zweiten Weltkrieg an der Vernichtung der Juden beteiligt hatten. Während seiner nur wenige Monate dauernden Stationierung im Konzentrationslager Mauthausen tötete er zahlreiche Insassen durch Phenol-Spritzen oder chirurgische Eingriffe. Nach dem Krieg gelang es ihm zunächst, ungestört seinem Beruf nachzugehen und eine Familie zu gründen.

Als die westdeutsche Justiz Anfang der 1960er Jahre die Ermittlungen gegen ihn aufnahm, tauchte er 1962 in Kairo unter. Zunächst nahmen lediglich die deutschen Behörden und private „Nazi-Jäger“ wie Simon Wiesenthal davon Notiz. Doch als die Auseinandersetzung mit den Verbrechen der National‧sozialisten in der Bundesrepublik seit Ende der 1970er Jahre intensiver wurde, entwickelte sich der Fall Heim zum Politikum.

Nicholas Kulish von den „New York Times“ und Souad Mekhennet, die für das ZDF und die „Washington Post“ arbeitet, schildern die Jahrzehnte währenden Versuche, Aribert Heim zu finden und vor Gericht zu stellen – eine Geschichte, an deren Ende die Autoren selbst zu Protagonisten wurden: Kulish und Mekhennet machten 2009 die Entdeckung, dass der zu diesem Zeitpunkt zum „meistgesuchten NS-Verbrecher“ erklärte Heim 1992 in Kairo verstorben war.

In ihrem Buch, das auf zahlreichen Zeitzeugen-Interviews und bisher nicht ausgewerteten Quellen basiert, nehmen sie Heim und seine Familie mit ebenso viel Liebe zum Detail in den Blick wie diejenigen, die ihn suchten. Auf diese Weise entsteht eine dichte Beschreibung eines kleinen Ausschnitts der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Sie gibt einen Eindruck davon, wie sich das Verhältnis zwischen Tätern, Überlebenden der NS-Verbrechen und der deutschen Gesellschaft sowie zwischen denen, „die dabei gewesen waren“, und ihren Kindern gestaltete. Besonderes Augenmerk gilt Heim, seinem Sohn Rüdiger, dazu Simon Wiesenthal sowie dem Kriminalkommissar Alfred Aedtner, der bis in die 1990er Jahre hinein an der Suche nach Heim beteiligt war.

Kulish und Mekhennet machen sich nicht den moralisierend-anklagenden Tonfall der herkömmlichen „Nazi-Jäger-Literatur“ zu eigen. Stattdessen beschreiben sie selbst erschütternde Verbrechen mit unaufgeregter Sprache. Allerdings geht dieser deskriptive Stil einher mit einer deutlich spürbaren Zurückhaltung bei der Einordnung und Deutung der höchst ambivalenten Quellen. Ihr Bericht präsentiert das Material gut lesbar, ohne den Anspruch zu erheben, diese Geschichte als Fallbeispiel einer postnationalsozialistischen Gesellschaftsgeschichte oder Teil eines deutschen Generationenkonflikts auszudeuten.

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Rezension: Dr. Daniel Stahl

Kulish, Nicholas/Mekhennet, Souad
Dr. Tod – Die lange Jagd nach dem meistgesuchten NS-Verbrecher
Verlag C. H. Beck, München 2015, 352 Seiten, Buchpreis € 24,95
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