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Thomas Hellmuth

Eingezäunte Freiheit in Frankreich

dam0421bue01.jpgDie Kulturgeschichte des Wiener Historikers Thomas Hellmuth behandelt kenntnisreich die französische Politik im 19. Jahrhundert und ihr Zusammenwirken mit der Hochkultur. Das bürgerliche Gesellschaftsmodell konzipiert er als „eingezäunte Freiheit“. Nach der Revolution hätten Verfassung und Privatrecht einen Rahmen geschaffen, in dem ein „offener Diskurs“ – Hellmuths zweite Leitidee – die weitere Entwicklung der Gesellschaft gewährleistete.

Das System bürgerlicher Verhaltensregeln habe kollektive Stabilität und individuelle Entfaltung aufeinander abgestimmt, Letzteres wurde allerdings nicht allen zuteil: Die Geschlechterrollen plazierten Männer und Frauen funktional in getrennten Sphären mit sehr ungleichen Chancen gesellschaftlicher Teilhabe. So legitimierte die Sexualmoral einerseits Prostitution, andererseits die Bindung der Frauen ans Haus. Die zeitgenössische Pädagogik hatte zudem die Disziplinierung der Schüler zum Ziel.

Eindrucksvoll beschreibt Hellmuth das Selbstbild Frankreichs als „zivilisierte Nation“. Geschichtspolitisch deutete man alle früheren Epochen als Vorlauf zur bürgerlichen Gesellschaft. So konnten selbst feudale Burgen in die Idee der Nation integriert werden, denn sie wurden durch Geschichts(um)deutung zu nationalen Erinnerungsorten, zum patrimoine.

Die „ideologische Infiltration“ mit bürgerlich aufgeklärten Idealen sollte vor allem die Schule bewirken, die erst in den 1880er Jahren definitiv dem Einfluss der Kirchen entzogen wurde. Tatsächlich sank die Analphabetenrate auf gut vier Prozent der unter 20-Jährigen im Jahr 1914. Allerdings fragt der Autor nicht, ob die gestiegene Lesefähigkeit nur bürgerliche Inhalte beförderte oder nicht ebenso die Verbreitung sozialistischer Ideen.

Inwieweit das Auftauchen modischer Kleidungsstücke auf dem Land „bürgerliche Zivilisierung“ belegt, ist ebenfalls offen. Vielleicht zeigt es nur die äußerliche Anpassung einer Handwerkerfrau, die mit dieser Kleidung im Geschäft besser verkaufen konnte. Widerstände gegen bürgerliche Neuerungen gab es nämlich besonders auf dem Land. Hellmuth interpretiert die Renaissance der Regionen vor allem als gelungene Integration in die Nation. Das ist problematisch, denn so bleibt die Herausbildung regionaler Identitäten unbeachtet, die teilweise bis heute eigensinnig sind (keine Autobahngebühren in der Bretagne!). Auch die Zurückdrängung der Regionalsprachen und Dialekte konstatiert der Autor ohne jeden Hinweis auf die alltägliche Gewalt des Rohrstocks, der das in den Schulen erzwingen sollte.

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Detailliert analysiert der Autor die kunstpolitischen Auseinandersetzungen und entlarvt das „verkannte Genie“ des Künstlers als Mythos. Anregend wird die „eingezäunte Freiheit der Kunst“ am Nebeneinander von einschränkenden Akademieregeln und davon unabhängigerer Entwicklung des Kunstmarktes illustriert.

Insgesamt fehlt dieser Geschichte Frankreichs allerdings der Blick auf die Gewalt- und Konflikthaltigkeit des Jahrhunderts, die sich in revolutionären Ereignissen 1830, 1848 und 1871 entlud. Das Elend vieler Pariser taucht lediglich als Grund für Cholera-Bekämpfung und Stadtsanierung – die große Boulevards schuf und alte Quartiere zerstörte – auf. Hätte Hellmuth die Bevölkerungsmehrheit als politisch und kulturell Handelnde im Blick, blieben diese Ereignisse weniger unverständlich.

Schließlich hätte dieses Buch unbedingt ein Lektorat verdient, denn die vielen ärgerlichen Fehler stören die Lektüre erheblich.

Rezension: Prof. Dr. Martin Dinges

Thomas Hellmuth
Frankreich im 19. Jahrhundert
Eine Kulturgeschichte
Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2020, 382 Seiten, € 45,–

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