Turner, Ralph V. Eleonore von Aquitanien – Königin des Mittelalters - wissenschaft.de
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Turner, Ralph V.

Eleonore von Aquitanien – Königin des Mittelalters

Schon die äußeren Lebensdaten Eleonores von Aquitanien lassen Dramatisches ahnen: Mit 13 Jahren Heirat mit dem französischen Thronfolger Ludwig VII., 1147 gemeinsam mit ihm Teilnahme am Kreuzzug ins Heilige Land, Entfremdung vom Ehemann und offizielle Trennung; kaum zwei Monate später Heirat mit Ludwigs ärgstem Rivalen Heinrich Plantagenet, Graf von Anjou, Herzog der Normandie und bald auch König von England, nach Geburt von acht Kindern Zerwürfnis auch mit Heinrich; 1173 Bündnis mit ihrem ersten Mann Ludwig gegen ihren zweiten Mann, Gefangenschaft für viele Jahre, nach dem Tod Heinrichs 1189 schließlich politische Karriere als Regentin und Beraterin ihrer Söhne, der Könige Richard Löwenherz und Johann Ohneland.

Trotz der vielen Biographien, die bereits existieren, bleibt es eine Herausforderung, dem Leben dieser ungewöhnlichen Frau gerecht zu werden. Das liegt vor allem an den Quellen: Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber, vor allem Kleriker und Mönche, berichten wenig über Frauen. Immerhin, ihren Urkunden und englischen Abrechnungslisten lassen sich Informationen über Eleonores (teuren) Lebensstil entnehmen. Viel ausführlicher ist die légende noire über Eleonore. Die Behauptung, sie habe auf dem Kreuzzug mit ihrem jugendlichen Onkel Ehebruch begangen, wurde zum Ausgangspunkt immer neuer Episoden über sexuelle Ausschweifungen. Sie erscheint als wahres Satansweib mit übernatürlich-teuflischen Kräften, der alle Unglücksfälle und alle negativen Entwicklungen im Haus Plantagenet zugeschrieben werden.

Es ist das große Verdienst der Biographie Turners, dass er über die Legenden um Eleonore nicht neben und getrennt von der „politischen“, der „eigentlichen“ Geschichte berichtet, sondern dass er sie als Ausdruck kultureller Differenzen deutet. Turner zeigt Eleonore als eine junge Frau, die durch die sinnen- und sangesfrohe Atmosphäre des Hofs ihrer Familie in Poitiers geprägt war. Dabei wertet er die Lieder der aquitanischen Troubadoure als Zeugnisse einer selbstbewussten Laienkultur, in der auch Frauen selbstverständlich an allen Aktivitäten und Debatten am Hof teilhatten.

Damit standen Lebenseinstellung und Wertewelt des Südens im tiefen Gegensatz zum wesentlich stärker kirchlich geprägten Norden, wo vor allem Klerus und Kirche soziale Rollenzuschreibungen und Verhaltensweisen definierten. Eleonore sei mit Erzählungen über politisch mächtige Frauen groß geworden, an denen sie ihre eigenen Rollenerwartungen als Königin entwickelt habe. Das aber habe weder der sehr fromme Ludwig noch der cholerische und oft berserkerhafte Heinrich II. verstanden oder gar akzeptiert. Eleonore habe beiden Ehemännern Widerstand entgegengesetzt, vor allem, wenn es um ihr heimatliches Aquitanien ging. Zwei Begriffe kennzeichnen nach Turner den Charakter Eleonores: Freiheitsdrang und Machtstreben.

Turner verbindet hohe wissenschaft‧liche Qualität mit einem flüssigen und eingängigen Darstellungsstil, der auch in der Übersetzung weitgehend erhalten bleibt. Sein Buch bietet spannende Lektüre und belehrendes Lesevergnügen; es sei nachdrücklich empfohlen.

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Rezension: Prof. Dr. Hanna Vollrath

Turner, Ralph V.
Eleonore von Aquitanien – Königin des Mittelalters
Verlag C. H. Beck, München 2012, 496 Seiten, Buchpreis € 24,95
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