Brendan Simms England und Europa - wissenschaft.de
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Brendan Simms

England und Europa

Welcher Titel könnte besser in die aktuelle Problemsituation hineintreffen, wenn man sich diesseits des Kanals fragt, ob die Briten überhaupt noch Europäer sein wollen, und jenseits des Kanals heillos über Brexit oder Zugehörigkeit zerstritten ist? Der Cambridger Historiker Brendan Simms hat darauf eine klare Antwort: Großbritannien gehört zu Europa, und das war immer schon so.

Während der französische Historiker Jules Michelet im 19. Jahrhundert sein England-Buch mit dem legendären Satz begonnen hatte: „England ist eine Insel“, lernt man bei Simms, dass das Inseldenken nur eine spezifische Variante der Identitätsbildung war. Diese lag aber immer im Streit mit der strategischen Vorstellung, die Sicherheit der Insel sei nur durch Besitzungen auf dem Kontinent zu gewährleis-ten – also eine Art der Verteidigung, die mögliche Feinde in Entfernung hält und machtpolitische Auseinandersetzungen auf den Kontinent verlagert.

Dementsprechend spielen hier auch die Jahrhunderte des Mittelalters, in denen England in Frankreich engagiert war, eine große Rolle. Der Brückenkopf Calais wurde schließlich erst 1559 von Königin Elisabeth I. aufgegeben; bis dahin war er genauso zu England gehörig wie der Brückenkopf um Dublin (The Pale). Mit diesen Bemerkungen ist aber auch schon Wesentliches über den Charakter des Buchs ausgesagt: Es enthält nichts über Kultur oder Gesellschaft, dafür ist es ausgesprochen reichhaltig in Bezug auf Außenpolitik, Krieg, Diplomatie und Bündniskonstellationen.

Das entscheidende Anliegen von Simms besteht darin, die Verflechtung Englands bzw. Großbritanniens durch die Jahrhunderte mit dem kontinentalen Geschehen aufzuweisen. Man darf an die Besiedlung der Insel durch Angeln, Sachsen und Jüten erinnern, auch an die Eroberung durch die Normannen und selbstverständlich an die Zeiten der Wikinger, als die Insel zeitweise Teil eines dänischen Großreichs wurde. Die Einheit der Christenheit war weiterhin zu Zeiten der Kreuzzüge wichtig, an denen sich bekanntlich auch englische Ritter und selbst Könige beteiligten. Die europäische Perspektive dieses Autors wirft auch ein neues, positiveres Licht auf die Verflechtung Englands mit Hannover seit 1714.

Die Tendenz von Simms besteht durchgehend darin, die Eroberung überseeischer Gebiete stark aus der innereuropäischen Rivalität (zunächst mit Spanien, dann mit den Niederlanden und Frankreich) heraus zu erklären und die Bedeutung des Empire (und später des Commonwealth) insgesamt geringer einzuschätzen, als dies auf dem Höhepunkt des Imperialismus der britischen Vorstellung entsprang – wobei diese auch heute noch in manchen traditionsverhafteten Köpfen spukt und offenbar auch das Abstimmungsverhalten in Europa-Fragen mit bestimmt.

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Die entscheidenden Faktoren für den Aufstieg Englands sieht Simms in einer Verbindung von effektiver Besteuerung, Repräsentanz und Mobilisierung der Bevölkerung. Klarer als andere sieht er das Schwergewicht in England selbst: Wales, Irland und Schottland seien diesem mächtigen Zentrum nur angeschlossen worden. Auch wenn sich solche Erkenntnisse sowohl zugunsten als auch zuungunsten eines Brexit ausdeuten lassen, bestätigen sie doch, historisch vertieft, was die glücklose Theresa May einmal in die zutreffende Aussage gefasst hat, Großbritannien könne zwar die EU verlassen, nicht aber Europa.

Rezension: Prof. Dr. Michael Maurer

Brendan Simms
Die Briten und Europa
Tausend Jahre Konflikt und Kooperation
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, 397 Seiten, € 21,99

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