Schwartz, Michael Ethnische "Säuberungen" in der Moderne – Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert - wissenschaft.de
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Schwartz, Michael

Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne – Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert

Geschichte wird immer dort spannend, wo sich ihre Folgen für die Leser in der aktuellen Nachrichtenlage und in der eigenen Biographie ausmachen lassen. Die von Michael Schwartz vorgelegte Studie zu ethnischen „Säuberungen“ behandelt eines dieser Themen. Der Autor ist Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München und lehrt an der Universität Münster.

Drei Aspekte sind ihm bei der Betrachtung wichtig: erstens die Erkenntnis, dass unfreiwillige Verschiebungen von ethnischen Gruppen – ob nun als friedliche, administrierte „Bevölkerungstransfers“ oder als chaotische, gewaltsame Vertreibungen – nie als Rückfall in eine vormoderne Barbarei verstanden werden sollten. Das Selbstverständnis der Akteure war jedenfalls ein ganz anderes: Tatsächlich stand bei den von Schwartz vorgestellten Fällen im 19. und 20. Jahrhundert oft die Vorstellung im Mittelpunkt, dass nationalstaatliche Modernisierung gerade durch religiöse oder ethnische „Flurbereini‧gung“ erreicht werden könne. Die Konferenz von Lausanne 1923, bei der der Austausch griechi‧scher und türkischer Bevölkerungsteile beschlossen bzw. nachträglich sanktioniert wurde, steht für ihn als Musterbeispiel einer derartigen Homogenisierungspolitik.

Die zweite Erkenntnis für ihn ist, dass Vertreibungen ein globales Phänomen waren und sind. Kolonien waren auch hier oftmals Lernorte der Gewalt, und die Folgen von Vertreibungen wirkten global zurück. Drittens macht Schwartz dar‧auf aufmerksam, dass Vertreibungen nicht allein ein Instrument in der Hand finsterer, autokratischer Gewaltherrscher waren. Vielmehr nutzten auch partizipatorische Systeme, ja sogar waschechte Demokratien dieses Mittel, oder sie erkannten gewaltsam geschaffene Fakten aus oppor‧tunistischen Beweggründen heraus an.

Für die deutschen Leser ist das Buch natürlich von besonderem Interesse, weil von diesem Land zwischen 1939 und 1945 eine Entrechtungs- und Vertreibungspolitik ausging, die zu den aggressivsten und zahlenmäßig größten des Jahrhunderts zählte. Nachdem das Pendel 1945 zurückgeschlagen war, wurden wiederum Millionen Deutsche Opfer von ethnischen „Säuberungen“. Dieser Wechsel in der Täter-Opfer-Rolle, der auch für den Balkan oder das subsaharische Afrika immer wieder ausgemacht werden kann, ist einer der verstörendsten Aspekte dieser Form politischer Gewalt.

Der Autor ist kein Schwarz-Weiß-Maler, er geht den Opferrhetorikern aller Couleur nicht auf den Leim. Sorgfältig arbeitet er die historische Charakteristik der einzelnen Räume, die verschlungenen Konfliktlinien, aber auch die wilde Eigendynamik von Vertreibungsgewalt heraus.

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Rezension: Dr. Markus Pöhlmann

Schwartz, Michael
Ethnische „Säuberungen“ in der Moderne – Globale Wechselwirkungen nationalistischer und rassistischer Gewaltpolitik im 19. und 20. Jahrhundert
Oldenbourg Verlag, München 2013, 697 Seiten, Buchpreis € 69,80
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