Ian Kershaw Europa zwischen Krise und Erfolg - wissenschaft.de
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Ian Kershaw

Europa zwischen Krise und Erfolg

dam0719bue14.jpgNach dem vielgerühmten „Höllensturz“ des britischen Historikers Ian Kershaw, der die Zeit der Weltkriege umfasste, ist dies der Folgeband einer Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Man merkt, dass Kershaw sich mit dieser Epoche wissenschaftlich weniger beschäftigt hat, die erzählerische „Leichtigkeit“ und analytische Schärfe erreicht nicht ganz das gewohnte Niveau.

Das Buch befasst sich – so ist die Metapher der Achterbahn zu verstehen – mit den Wendungen und Windungen, dem Auf und Ab, die Europa bis in die Gegenwart hinein prägten. Ein Problem stellt die Komplexität der Geschichte Europas dar. Wie soll man allein die vielen Staaten in einer erzählerischen Architektur einfangen, wie lassen sich Nord und Süd, vor allem aber West und Ost im Zeitalter des Eisernen Vorhangs zusammenbinden?

Die „Matrix“ des Buches lautet: Wiedergeburt (West-)Europas nach dem Zweiten Weltkrieg und atomares Gleichgewicht des Schreckens von den 1950er bis zu den 1960er Jahren, gefolgt von einer „neuen Unsicherheit“ seit den 1970er Jahren. Dieser Paradigmenwechsel, mit dem unsere Epoche begann, basierte auf einer liberalisierten Wirtschaft und einer unaufhaltsamen Globalisierung, einer dramatischen Revolution der Informationstechnologie und nach 1990 der Entstehung einer multipolaren internationalen Machtordnung.

Das Gesamtbild, das Kershaw von der europäischen Geschichte zeichnet, bleibt gemischt, doch er streicht die Erfolge heraus. Drei verschiedene „Europas“ überschneiden sich: erstens das Europa des Friedensraums als Erbe zweier Weltkriege, zweitens das Europa der sozialen Errungenschaften und Menschenrechte als Erbe von 1968 sowie drittens das Europa der (Wieder-)Vereinigung der Europäer als Erbe des Endes des Kalten Kriegs.

Kein gutes Haar lässt Kershaw an der britischen Politik, die den „Brexit“ zu verantworten hat. Er ist damit unter den Intellektuellen im Vereinigten Königreich nicht allein. Wo waren diese Stimmen unmittelbar vor dem Referendum, als das Kind noch nicht im Brunnen lag? Allen Krisen zum Trotz: Die Europäische Union ist nicht zerbrochen. Immer wieder in der Geschichte der europäischen Integration gab es Fehlschläge, immer wieder einmal ist Europa in den Augen der jeweiligen Zeitgenossen „gescheitert“.

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Doch die Vergangenheit zeigt, dass dieses Europa stets „konstruktiv gescheitert“ ist, seine kurzfristigen Fehlschläge wurden zu Bausteinen seines langfristigen Erfolges. Immer noch hat Europa die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, den größten Export, die beste Bildung in der ganzen Welt. Es hat Sozialstandards und einen Grad an Verwirklichung der Menschen- und Bürgerrechte, die die Sehnsüchte von Milliarden von Menschen, die darüber nicht verfügten, bewegt. Ob da die Achterbahn-Metapher nicht eher unpassend ist?

Rezension: Prof. Dr. Edgar Wolfrum

Ian Kershaw
Achterbahn. Europa 1950 bis heute
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, 828 Seiten, € 38,–

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