Hunecke, Volker Europäische Reitermonumente – Ein Ritt durch die Geschichte Europas von Dante bis Napoleon - wissenschaft.de
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Hunecke, Volker

Europäische Reitermonumente – Ein Ritt durch die Geschichte Europas von Dante bis Napoleon

Weder ein Kunsthistoriker noch ein Hippologe befasst sich in dem Bildband „Europäische Reitermonumente. Ein Ritt durch die Geschichte Europas von Dante bis Napoleon“ mit den europäischen Reiterstandbildern aus sieben Jahrhunderten. Volker Hunecke betrachtet den Gegenstand des Buchs als emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Technischen Universität Berlin vielmehr von einem historischen Standpunkt aus. Das traditionell kunsthistorische Thema der Reitermonumente wird dabei auf die Dargestellten, ihre Persönlichkeit und Geschichte hin untersucht. „Wer waren eigentlich die Reiter der Reitermonumente in ihrem wirklichen Leben?“ ist damit die zentrale Frage des Buchs, die Hunecke auf 342 Seiten zu beantworten sucht.

Der zeitliche Rahmen der behandelten Werke spannt sich vom Hochmittelalter bis in die Zeit nach der Französischen Revolution. Die Entwicklung der Reitermonumente von der Antike bis zum Mittelalter ist dem Werk in einem kurzen Prolog vorangestellt. Das einzig erhaltene Reitermonument der Antike, die Statue des Marc Aurel, zeugt noch heute von der Qualität der antiken Reiterstandbilder und bleibt bis in die Gegenwart wichtigstes Vorbild. Schon in der Antike wurde zwischen zwei Grundtypen des Reiterstandbilds unterschieden: Auf der einen Seite das Standbild mit schreitendem Pferd wie im Fall des Marc Aurel, und auf der anderen Seite das Standbild mit steigendem Pferd. Die Reitermonumente der letzten beiden Jahrhunderte dagegen behandelt Hunecke „im Einklang mit der kunstgeschichtlichen Literatur“ nicht, da ihnen nur ausnahmsweise kunsthistorischer Rang beigemessen würde.

Geografisch ist Huneckes Werk hauptsächlich auf Italien ausgerichtet, fand doch in Italien die Wiedergeburt des ehernen Reitermonuments statt, nachdem es mit dem Römischen Reich untergegangen war. Auch Frankreich und vor allem die Standbilder der Bourbonenkönige werden eingehender behandelt. Um den gesamteuropäischen Vorsatz des Buchs zu erfüllen, finden jedoch unter anderem auch Ausflüge nach Russland, England und Deutschland statt. Zwischen Sizilien und Skandinavien, Lissabon und Petersburg behandelt Hunecke alle künstlerisch, politisch und historisch wichtigen Reitermonumente und die Geschichte der Dargestellten aus über einem halben Jahrtausend europäischer Geschichte.

So berichtet Hunecke zum Beispiel von dem Condottiere Erasmo da Narni, genannt il Gattamelata. Dieser hatte 1434 nach langjähriger Dienstzeit bei den Päpsten Martin V. und Eugen IV. im Alter von 64 Jahren seine erste Condotta (einen Vertrag als Söldnerführer) mit Venedig abgeschlossen. 1438 gelang es ihm, ein 5000 Mann starkes Heer ohne große Verluste aus dem von den Visconteern belagerten Brescia auf nördlicher, unwegsamer Route durch die Berge um den Gardasee herum nach Verona zu führen. Dieser legendäre militärische Erfolg führte dazu, dass Gattamelata nach seinem Tod von Donatello in einem ehernen Reitermonument verewigt wurde, welches nicht wie üblich ein Grabmal krönte, sondern ausschließlich als Ruhmesmal gedacht war. In zeitlichem und räumlichem Zusammenhang zu diesem Reiterstandbild steht auch dasjenige des Bartolomeo Colleoni von Andrea Verrocchio. Dieser Condottiere hätte seinen Ruhm nur zu gern ausschließlich durch militärische Erfolge erworben, doch der 1454 zwischen Venedig und Mailand geschlossene Frieden verhinderte weitere Bemühungen Colleonis in diese Richtung. Er widmete sich daher den Werken des Friedens: einer fürstlichen Hofhaltung, frommen Taten und seinem Mäzenatentum. Um das von ihm angehäufte Vermögen nach seinem Tod vor Übergriffen Venedigs zu schützen, sprach er dem Stadtstaat zwei Tage vor seinem Tod Teile seines Besitzes zu. Mit diesen sollte Venedig auf Colleonis Bitte hin ein ehernes Reiterstandbild von ihm fertigen lassen. Dass diese Bitte – die die Aufstellung der Statue auf dem Markusplatz miteinschloss – ein unerhörtes Ansinnen war, änderte nichts daran, dass sie schlussendlich realisiert wurde. Elf Jahre nach Colleonis Tod wurde das Reiterstandbild zwar nicht auf dem Markusplatz, aber immerhin noch in dessen Nähe enthüllt.

Huneckes Geschichte der europäischen Reitermonumente ist mit vielen qualitativ hochwertigen Bildern ausgestattet, die die Charaktere der historischen Personen gut zu illustrieren vermögen. Ausführlich, spannend und historisch fundiert stellt Hunecke die Beweggründe der Auftraggeber, die Charaktere der Dargestellten und die Rahmenbedingungen des Entstehens der zahlreichen Reitermonumente dar. Eine weitere Stärke des Buchs ist Huneckes lebensnahe und bildreiche Schilderung der historischen Persönlichkeiten, die dadurch vor dem inneren Auge des Lesers erneut zum Leben erweckt werden. Diese intensive Beschäftigung mit den historischen Begebenheiten führt zwar auf der einen Seite dazu, dass zu weit reichende Interpretationen der Reitermonumente ausbleiben, jedoch lässt sie die Reiterstandbilder auf der anderen Seite teilweise gegenüber den Lebensläufen der Dargestellten in den Hintergrund treten. So entsteht manchmal der Eindruck, dass die Reitermonumente nur als Anlass dienen, auf ausführlichste Weise die geschichtlichen Ereignisse nachzuzeichnen.

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Die Schwierigkeit des Vorhabens, in 700 Jahren entstandene Monumente gleichzeitig betrachten zu wollen, zeigt sich schließlich im Fehlen einer Synthese der Ergebnisse, die für den Leser sehr hilfreich gewesen wäre. Seine eingangs formulierte Leitfrage beantwortet Hunecke für jeden Reiter einzeln und vergisst darüber offenbar, dass er die Reiter gerade nicht als Individuen, sondern als Gruppe untersuchen wollte. Von der Tatsache einmal abgesehen, dass es sich bei allen Dargestellten um Krieger, Fürsten und Könige handelt, bleibt es auch nach Lesen des Buchs unklar, ob es noch weitere verbindende Eigenschaften gab, die über die Jahrhunderte hinweg für die Entstehung von Reitermonumenten gerade dieser Personen gesorgt haben. Vielmehr dienen die Reiterstandbilder Hunecke lediglich als roter Faden bei seinem „Ritt durch die Geschichte Europas“.

Rezension: Britta Weidner

Hunecke, Volker
Europäische Reitermonumente – Ein Ritt durch die Geschichte Europas von Dante bis Napoleon
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008, 342 Seiten, Buchpreis € 49,90
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