Naimark, Norman M. Flammender Haß – Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert - wissenschaft.de
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Naimark, Norman M.

Flammender Haß – Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert

Was verbindet den Völkermord an den Armeniern 1915, den griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923, den Mord an den europäischen Juden während der NS-Herrschaft, die sowjetische Deportation der Tschetschenen, Inguschen und Krimtataren im Jahr 1944, die Vertreibung der Deutschen aus Polen und der Tschechoslowakei am Ende des Zweiten Weltkriegs und die Umsiedlungen, Vertreibungen und Vergewaltigungen auf dem Balkan im letzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts? Was unterscheidet sie? Veranlaßt durch die aufrüttelnden Bilder aus dem jugoslawischen Bürgerkrieg, spürt der amerikanische Osteuropa-Historiker Norman Naimark in seiner nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Studie mit dem Titel „Flammender Haß“ dem Phänomen der „ethnischen Säuberungen“ nach.

Längst bevor dieser Begriff Anfang der 1990er Jahre Eingang in den öffentlichen Sprachgebrauch fand, hat es das Phänomen schon gegeben – „die Entfernung eines Volks und oft auch aller seiner Spuren von einem bestimmten Territorium“. Dem chronologisch angelegten Gang durch die europäische Geschichte liegt eine Auswahl zugrunde. Jeder der in einem Kapitel vorgestellten „Hauptfälle“ ist in einer anderen Region Europas und in einer anderen Zeit verortet. Schon deshalb wird ein breites Publikum Karten schmerzlich vermissen. Jedes der Beispiele soll für einen bestimmten Typ von ethnischer Säuberung stehen. Vergleichend arbeitet Naimark strukturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus, um Ur?sachen und Folgen ethnischer Säuberungen und ihr „großes Potential zum Massenmord“ zu erhellen und sie als für die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts typisches Phänomen zu zeigen.

Dem diachronen Vergleich (historischen Längsschnitt) haften kleine Fehler an. Aufschlußreich aber sind die Schlußfolgerungen. Die Wesenszüge von ethnischer Säuberung sieht Naimark (1.) in dem hohen Maß an Gewalt, mit dem sie verbunden sind (wobei der Gewalt immer ein Potential zum Massen- bis hin zum Völkermord innewohnt). Zweitens richtet sich die Brutalität in ihrer extremsten Form in der Regel gegen „unschuldige Zivilisten“, insbesondere gegen Frauen „als Trägerinnen der nächsten Generation des Volkes“. Die Rahmenbedingungen für die Gewaltausübung bei ethnischen Säuberungen liefern (3.) Kriege oder kriegsähnliche Zustände. Ethnische Säuberungen zeichnet (4.) ihr auf Totalität gerichteter Charakter aus: Möglichst alle Angehörigen einer Gruppe sollen entfernt werden. Dabei haben es die „Säuberer“ (5.) auf das Eigentum der Ausgewiesenen abgesehen. Aber nicht nur die Eigentumsverhältnisse sollen radikal verändert werden. Denn es wird (6.) auch die Erinnerung an die Deportierten und Vertriebenen getilgt, indem ihre materielle Kultur systematisch ausgelöscht wird.

Wie der Titel des Buches andeutet, werden ethnische Säuberungen als Ausdruck von Haß interpretiert, der weder kulturell noch national zuzuordnen ist. Daß diese „anthropologische Kategorie“ gerade im Europa des 20. Jahrhunderts eine solch zerstörerische Kraft entwickelte, das liegt nach Naimark am modernen, völkischen Nationalismus, er spricht auch von „integralem“ Nationalismus. Gepaart mit den organisatorischen, wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten moderner Verwaltungsapparate entwickelten die Staaten einen „Drang zur Homogenisierung“. Er warf, wie die Studie eindrucksvoll zeigt, seine todbringenden Früchte im 20. Jahrhundert ab. Aber seine Wurzeln reichen ins 19., das Jahrhundert des Nationalismus und noch tiefer zurück. Gerade deshalb greift eine auf das 20. Jahrhundert eingeschränkte Analyse ethni?scher Säuberungen wie die vorliegende zu kurz.

Die im Buch vertieften Fallbeispiele ethnischer Säuberung sind zum Teil gut erforscht. Neu sind die durch den Vergleich herausgearbeiteten strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen den vorgestellten Fällen. Sie widersprechen dem bisher in der Regel im nationalgeschichtlichen Rahmen gepflegten Leidens- und Opferdiskurs und sind höher einzuschätzen als die vom Verfasser immer wieder bemühten direkten, konkreten Verbindungslinien zwischen den herangezogenen Beispielen. Naimark bietet eine gut geschriebene, lesenswerte historische Analyse mit aufklärerischem Ziel.

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Rezension: Beer, Mathias

Naimark, Norman M.
Flammender Haß – Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert
Verlag C. H. Beck, München 2004, 301 Seiten, Buchpreis € 26,90
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