Walser Smith, Helmut Fluchtpunkt 1941 – Kontinuitäten der deutschen Geschichte - wissenschaft.de
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Walser Smith, Helmut

Fluchtpunkt 1941 – Kontinuitäten der deutschen Geschichte

Helmut Walser Smith versucht in seinem Buch „Fluchtpunkt 1941“ eine historische Kontinuität aufzuzeigen, die letztlich im Holocaust mündete. Anders als viele andere Historiker setzt er den Schwerpunkt nicht auf die Machtergreifung Hitlers, sondern auf den Beginn der massenhaften Ermordung von Juden im Jahr 1941 durch die Einsatzgruppen. Während eine Betrachtung des Jahres 1933 Versagen der politischen Eliten beim Aufstieg der NSDAP aufzeigt, führt ein im Jahr 1941 gesetzter Fluchtpunkt zu einer Fokussierung auf die Unmenschlichkeit der Shoa.

Smith greift Daniel Goldhagens Fragestellung auf, wie es dazu kommen konnte, dass gewöhnliche Deutsche zur Beteiligung am Massenmord an Juden bereit waren. Goldhagens These von einem weitverbreiteten „eliminatorischen Antisemitismus“ sei zwar verfehlt, dennoch habe er die richtigen Fragen gestellt. In fünf Essays versucht Smith Kontinuitätslinien aufzuzeigen: Er beginnt mit der geistigen Formierung der Nation im Bewusstsein der Deutschen, streift das Verhältnis der frühen Nationalisten zum Judentum und berichtet im dritten Kapitel über die Ausgrenzung der Juden im Zuge der großen Aussöhnung von Protestanten und Katholiken durch den Westfälischen Frieden. Schließlich zeigt Smith die zunehmende Gewalt gegen Juden im Europa des 19. Jahrhundert ausgehend von Osteuropa bzw. Russland, ohne dabei auszublenden, dass der deutsche Staat im 19. Jahrhundert die Juden mit seinem Gewaltmonopol noch schützte. Vor Beginn der Tragödie der Judenverfolgung in der NS-Zeit war, so Smith, nicht abzusehen, dass gerade Deutschland für den Massenmord an Juden verantwortlich werden sollte, denn andere europäische Länder wiesen ebenfalls ausgeprägte antisemitische Tendenzen auf.

Smith will mit seinen Kontinuitätslinien zeigen, wie Nationalismus, Antisemitismus und Rassismus im Zusammenspiel die Katastrophe des Holocaust in Deutschland herbeiführen konnten. Der Kulminationspunkt dieser drei Ideologien, der zur Auflösung von Mitmenschlichkeit und letztlich zum Holocaust führte, war die Reichspogromnacht von 1938. Das Aberkennen des Menschseins der Juden ist für Smith das kennzeichnende Merkmal der Shoa. Smiths Buch wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Unstrittig ist jedoch, dass es die Frage nach den Gründen und Motiven des Holocaust wieder in den Vordergrund rückt. Helmut Walser Smith regt zum Mitdenken an und wirft Fragen auf -offen bleibt beispielsweise, ob sich tatsächlich der Antisemitismus des Mittelalters mit dem der Moderne vergleichen lässt. Ausgeprägte Fremdenfeindlichkeit schlug im Mittelalter nicht nur Juden entgegen, sondern auch Muslime sahen sich während der Kreuzzüge religiösen Anfeindungen ausgesetzt. Ist also der Antisemitismus des Mittelalters tatsächlich Antisemitismus in seiner modernen Bedeutung oder eher die spezifische Ausprägung der Abwehr fremden Glaubens durch die Christen? „Fluchtpunkt 1941 – Kontinuitäten der deutschen Geschichte“ ist ein anspruchsvolles Buch, das sich vornehmlich an wissenschaftlich interessiertes Publikum richtet.

Rezension: Jannik Tuinte

Walser Smith, Helmut
Fluchtpunkt 1941 – Kontinuitäten der deutschen Geschichte
Reclam Verlag, Stuttgart 2010, 326 Seiten, Buchpreis € 24,95
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