Polcz, Alaine Frau an der Front – Ein Bericht - wissenschaft.de
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Polcz, Alaine

Frau an der Front – Ein Bericht

Vom Irrwitz, als 19-jährige Frau im Zweiten Weltkrieg zwischen die Fronten zu geraten, erzählt der inzwischen auf deutsch erschienene Lebensbericht „Frau an der Front“ der ungarischen Psychologin Alaine Polcz (1925-2007). Pointiert schildert die Autorin darin die häufig absurd-groteske Normalität des Kriegsalltags in Ungarn von 1944 bis Kriegsende. Das absolut lesenswerte Buch ist ein weiteres beeindruckendes Lebenszeugnis einer Frau aus dem Zweiten Weltkrieg.

Basierend auf Tonbandaufnahmen und Aufzeichnungen, welche zwischen 1975 und 1980 entstanden sind, löste es bereits bei seiner Erscheinung in Ungarn im Jahre 1991 einen Skandal aus. Das bis dahin weitgehend tabuisierte Thema der sexuellen Gewalt gegen Frauen durch Soldaten im Zweiten Weltkrieg rückte durch die von der Autorin beschriebenen Vergewaltigungsszenen in den Fokus der Öffentlichkeit. Das Buch wurde in elf Sprachen, darunter Englisch, Französisch, Japanisch und Polnisch, übersetzt. In Deutschland wurde es zunächst nicht rezipiert. Die Sensibilisierung einer breiten deutschen Öffentlichkeit für das Thema ist indessen das Verdienst einer Neuauflage der Tagebuchaufzeichnungen einer Frau, die das Kriegsende in Berlin erlebte und ebenfalls Opfer brutaler Vergewaltigungen durch Rotarmisten wurde [Anonyma. Eine Frau in Berlin. Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April 1945 bis 22. Juni 1945, Eichborn Verlag, 2003].

Polcz kommt mit dem Thema sexuelle Gewalt erstmals in Berührung, nachdem ihr Mann János verschleppt wird. Sie möchte beim Kommandeur ein gutes Wort für ihn einlegen, bestenfalls seine Freilassung aus russischer Gefangenschaft bewirken, denn sie fürchtet seine Hinrichtung als Deserteur. Es warten bereits mehrere Frauen mit demselben Anliegen in der Kommandantur, unter ihnen ein Mädchen, über das die „Russen hinüber sind“, wie es heißt. Polcz versteht zunächst nicht, was gemeint ist. Fragt arglos, „mit dem Fahrrad?“. Kurz darauf wird sie selbst zum ersten Mal vergewaltigt, dann regelmäßig. Bald von einem einzelnen Soldaten, bald von einer ganzen Gruppe. Sexuelle Gewalt, vormals undenkbar, wird für sie zur alltäglichen Erfahrung. Mehrmals keimen Selbstmordgedanken in ihr auf. Gleichzeitig schildert sie anrührend die Strategien der Frauen, sich vor der nächsten Vergewaltigung zu schützen. Mit Kohle malten sie sich gegenseitig Falten ins Gesicht, gingen in der Öffentlichkeit gebückt wie alte Weiblein, auch keine Gegenwehr zu leisten gehörte dazu: „Du kannst zwar als erster treten, doch schon im nächsten Moment gehst du zu Boden, und wahrscheinlich kommst du danach nie wieder auf die Beine, denn du wirst fertig gemacht.“

Auch wenn Polcz in ihren Erinnerungen den traumatischen Erfahrungen der Vergewaltigung einigen Platz einräumt, beschränkt sie sich bei weitem nicht auf diesen Aspekt des Krieges. Im Gegenteil beginnt ihre Schilderung mit der eigenen Hochzeit im Kriegsjahr 1944. Normalität und Wahnsinn, so ließe sich die Kernaussage des Buches zusammenfassen, gehen im Krieg frappierend häufig Hand in Hand. Es ist gerade dies die Stärke des Buches, dass es den Kriegsalltag facettenreich zu beleuchten weiß und nie ins Klischeehafte abgleitet.

Rezension: Verena Mink

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Polcz, Alaine
Frau an der Front – Ein Bericht
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 231 Seiten, Buchpreis € 22,95
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