Löb, Ladislaus Geschäfte mit dem Teufel – Die Tragödie des Judenretters Rezsö Kasztner. Bericht eines Überlebenden - wissenschaft.de
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Löb, Ladislaus

Geschäfte mit dem Teufel – Die Tragödie des Judenretters Rezsö Kasztner. Bericht eines Überlebenden

Drei Fäden verwebt Ladislaus Löb, früherer Professor für Germanistik an der University of Sussex in Brighton, in seinem Buch über seinen Retter Rezsö Kasztner: seine eigene Lebensgeschichte, die äußerst komplizierte und häufig verwirrende Story der Rettungsversuche und -erfolge Kasztners und schließlich den Kasztner-Prozess nach dem Krieg in Israel.

Löb muss dem Leser viel erzählen und erklären, angefangen von seiner Kindheit in Siebenbürgen, über die Flucht mit dem Vater nach Budapest und den Weg durch Bergen-Belsen bis in die Freiheit, durchsetzt mit Details der ungarischen Geschichte und Politik der 1940er Jahre, bis er zur wirklichen Kernfrage des Buchs kommen kann: Wer war eigentlich Kasztner, und warum bleibt er, vermutlich für immer, eine der Figuren der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die am schwersten einzuordnen sind?

Kasztner wanderte nach dem Krieg mit Frau und Tochter nach Palästina aus und arbeitete dort unter anderem als Regierungssprecher. Und dann, wie Löb in einem Satz zusammenfasst: „… eskalierte eine scheinbar lächerliche Beleidigung zu einem Gerichtsverfahren, das nicht bloß Kasztner ruinierte, sondern den ganzen Staat Israel bis in seine Funda‧mente erschütterte.“

Kasztner, selbst Jude und Ungar, wurde beschuldigt, letztendlich mit den Nazis kollaboriert und einige von ihnen später in Nürnberg geschützt zu haben. Zwar habe er mit großem Ehrgeiz viele – oft privilegierte – Juden durch seine Verhandlungen und Geschäfte mit Eichmann und anderen Nazi-Führern gerettet, aber – so der Vorwurf – er habe zugleich die Vernichtung von Abertausenden in Kauf genommen, also mitverschuldet. Kasztner wurde verurteilt. Seine spätere Rehabilitation konnte er nicht mehr erleben, er wurde 1957 von jungen Israelis als „Verräter“ ermordet.

Dies ist ein sehr informatives Buch. Es erlaubt neben einem Blick in die ungarische Geschichte auch einen in die israelische Gesellschaft und deren Haltung zu den Holocaust-Überlebenden. Zudem ist es ein Lehrpfad, auf dem der Leser schmerzhaft versteht, wie unmöglich es ist, unsere späteren Wertvorstellungen und moralischen Koordinaten auf eine Zeit anzuwenden, die bis ins Unvorstellbare jegliche Menschlichkeit und jegliche Regeln des Menschseins außer Kraft gesetzt hat.     

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Rezension: Dr. György Fehéri

Löb, Ladislaus
Geschäfte mit dem Teufel – Die Tragödie des Judenretters Rezsö Kasztner. Bericht eines Überlebenden
Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2010, 277 Seiten, Buchpreis € 24,90
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