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Sven Felix Kellerhoff

Im Fokus: der Terrorismus der RAF

Angesichts der Tatsache, dass die Literatur zur RAF-Geschichte immer unüberschaubarer geworden ist, liegt es nahe, dass sich inzwischen auch ein Bedarf an komprimierteren Darstellungen zum Thema eingestellt hat. Nach den früheren Publikationen von Michael Sontheimer (München 2010), Petra Terhoeven (München 2017) und Stefan Schweizer (Waiblingen 2019) hat sich nun auch Sven Felix Kellerhoff dieser Herausforderung gestellt.

Der Journalist der Zeitung die „Welt“ bewältigt seine Aufgabe souverän. Im Vergleich zu Butz Peters’ RAF-Geschichte „Tödlicher Irrtum“ (Frankfurt am Main 2007) geht Kellerhoff weniger eingeschränkt vor und integriert sinnvollerweise auch die Geschichte der West-Berliner „Tupamaros“ sowie die der „Bewegung 2. Juni“ in seine Darstellung. Dadurch gelingt es ihm, ein umfassenderes Bild terroristischer Organisationen, ihrer Dynamiken und ihres jeweiligen Verhältnisses zum Staat zu entwerfen.

Nach einer Schilderung der Übergänge einiger militanter Kleingruppen von der 68er-Bewegung in den bewaffneten Untergrund verfährt auch Kellerhoff nach dem bewährten Strukturierungsprinzip, nach dem zwischen drei verschiedenen RAF-Generationen unterschieden wird. Allerdings gibt es in seiner Darstellung einige Schwächen, die nicht unerwähnt bleiben sollten.

So schreibt er etwa, dass die Gründergeneration der RAF „ihre eigentliche Wirksamkeit“ erst während ihrer Haftzeit, also nach dem Juni 1972, entfaltet habe. Diese Behauptung aber verkennt, dass die kurz zuvor durchgeführte Serie von Bombenanschlägen die wohl dichteste und blutigste Phase der RAF überhaupt dargestellt hat. Eine andere Ungereimtheit hat sich im Anfangsteil eingeschlichen, in dem es um die Charakterisierung der ideologischen Grundorientierung der RAF geht.

Zum einen wird behauptet, dass Andreas Baader vorgehabt habe, eine „quasi leninistische Avantgarde-Organisation“ aus der Taufe zu heben, zum anderen aber heißt es nur wenige Seiten später, dass derselbe Baader in seiner Gruppe das anarchistische Prinzip „Propaganda der Tat“ durchgesetzt habe. Angesichts der Tatsache, dass Lenin und der Leninismus insgesamt den Anarchismus als eine „Kinderkrankheit“ verurteilt haben, passt das nicht zusammen. Hinzu kommt, dass die marxistisch-leninistische Grundhaltung der ersten RAF-Generation nicht auf Baader, sondern auf den einstigen APO-Anwalt Horst Mahler zurückzuführen ist, der sich als Kommunist sowjetischer Prägung verstand und im Gründerquartett die Rolle einer Spinne im Netz gespielt hat.

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Derartige Einwände sind letztlich aber nur punktueller Natur. Zu Kellerhoffs Stärken zählt, dass er sich etwa im Gegensatz zur Darstellung des für die „Süddeutsche Zeitung“ arbeitenden Journalisten Willi Winkler (Berlin 2007) keine Zweideutigkeiten erlaubt, die dem von der RAF verübten Terror noch immer einen Rest an sozialrevolutionärer Legitimität einräumen.

Rezension: Wolfgang Kraushaar

Sven Felix Kellerhoff
Eine kurze Geschichte der RAF
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2020, 208 Seiten, € 18,–

 

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