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Gerd Krumeich

Jeanne d’Arc: Hexe oder Werkzeug Gottes?

dam0721bue06.jpgJeanne d’Arc gehört zu den berühmtesten Frauen des Mittelalters. In vielen Aneignungen ihrer historischen Person wurde sie für moderne Sehnsüchte nach Nation, Monarchie, Republik, Katholizismus, Antiklerikalismus oder Feminismus benutzt. Symbolische Höhepunkte solcher Erinnerungen waren Jeannes Seligsprechung 1909 und ihre Heiligsprechung 1920 durch die Päpste.

Diesen postumen Karrieren hatte Gerd Krumeich 1989 bereits seine Habilitationsschrift gewidmet. Jetzt nimmt er in dieser gelungenen Biographie Jeannes kurzes, aufregendes Leben (etwa 1412 –1431) in den Blick. Die Wege von den Verformungen der Moderne zurück zu einer jungen Frau des 15. Jahrhunderts schärfen das Gespür für sicheres bzw. schwankendes Wissen und bewahren vor reißerischen Psychologisierungen.

Die nüchterne Quellenkritik setzt gleich beim vermeintlichen Geburtstag Jeannes an. Der 6. Januar 1412, den der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy 600 Jahre später für einen Staatsakt in Jeannes Geburtsort Domrémy (Département Vosges) nutzte, wird ebenso wie andere Marksteine dekonstruiert. Krumeich zeigt uns, was wir wissen können und was nicht. Trotzdem muss er in seinen Rekonstruktionen des scheinbar Sicheren den mittelalterlichen Erinnerungen folgen. Vielleicht hätte eine zusammenfassende Würdigung der verzerrten Quellenüberlieferung die Unsicherheiten bei den „Wegen zur Wirklichkeit“ noch deutlicher hervortreten lassen?

Das kluge Buch fängt den Zauber eines ungewöhnlichen Lebens ein, das alle Schranken des Üblichen sprengte. Als Mädchen hörte Jeanne Stimmen von Heiligen. Sie dienten als Kompass für ihre Mission zur Rettung der französischen Königsnation im Hundertjährigen Krieg. Als Heerführerin erlebte Jeanne wechselndes Schlachtenglück: Nach einem grandiosen Sieg über die Engländer 1429 geriet die Heldin von Orléans schon 1430 in Gefangenschaft. Mit sicherem symbolischem Gespür hatte sie zuvor den bedrängten französischen Thronfolger Karl VII. zur Königsweihe in die Kathedrale von Reims geführt.

Dann blieben die Wunder aus. Nach einem Inquisitionsverfahren wurde Jeanne, nicht einmal 20 Jahre alt, von ihren Feinden 1431 in Rouen als Hexe verbrannt. Erst der Sieg Karls VII. über die Engländer führte 25 Jahre später zur Wiederaufnahme des Prozesses und zu Jeannes vollständiger Rehabilitation. Jetzt konnte aus der Hexe ein Werkzeug Gottes werden.

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Geschickt präsentiert dieses Buch die wundersamen Wendungen im Leben einer jungen Frau und dazu ein Stück großer westeuropäischer Geschichte im 15. Jahrhundert.

Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

Gerd Krumeich
Jeanne d’Arc
Seherin – Kriegerin – Heilige
Eine Biographie
Verlag C. H. Beck, München 2021, 399 Seiten, € 28,–

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plas|tisch  〈Adj.〉 1 zur Plastik gehörend 2 in der Art einer Plastik, dreidimensional ... mehr

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