Meier, Christian Kultur, um der Freiheit willen – Griechische Anfänge - Anfang Europas - wissenschaft.de
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Meier, Christian

Kultur, um der Freiheit willen – Griechische Anfänge – Anfang Europas

Unlängst hat Christian Meier in einem längeren Zeitungsartikel wider die intellektuelle Mode gestritten, die Griechen – und damit eine maßgebliche Referenzkultur des modernen Europa – als „Kinder des Orients“ zu charakterisieren. Angesichts der scheinbaren Gewissheiten und der correctness auf der Gegenseite konnte ein Essay aber doch nicht ausreichen, und die um Homer und Troia zentrierte Debatte mag den im Februar 2009 80 Jahre alt gewordenen Althistoriker mit dazu veranlasst haben, die ersten beiden Kapitel einer im Entstehen begriffenen großen Geschichte Europas in der Antike vorab ge‧sondert zu publizieren.

Die Hauptthese ist einfach: Aufgrund der besonderen Bedingungen in der nachmykenischen Zeit haben die Griechen sehr früh Formationen ausbilden können (und müssen), in denen die Impulse nicht wie anderswo von oben, von einer monarchischen Spitze ausgingen, sondern aus der Mitte der überschaubaren Gemeinden kamen. Um die Freiheit und die darin stets prekäre Willensbildung zu stabilisieren, entwickelten die Hellenen ganz eigentümliche politische Institutionen und kulturelle Praktiken, wobei sie gewiss vieles aus Kilikien und Zypern, von den Phönikern und Babyloniern übernahmen und doch etwas ganz Einzigartiges schufen. Insofern bildeten sie das „Präludium“ für den Sonderweg Europas.

Meiers Denk- und Schreibstil, die Art, wie er auch hier wieder fragt und überlegt, Vermutungen hin- und herwendet, Plausibilitäten skizziert und Nicht-Wissen offensiv wendet, kommt die archaische Zeit besonders entgegen. Der suchende, tastende Blick des Historikers bildet die unsicheren, tastenden Bewegungen der Akteure und die für die Zeit vor 500 v. Chr. bruchstückhafte Überlieferung ab. Man müsse sich, heißt es einmal, offenhalten für verblüffende, indes nur zu vermutende Zusammenhänge. Vieles bleibt also unklar; um so deutlicher sind die großen Linien.

Die kleinen Gemeinschaften der Grundbesitzer in nachmykenischer Zeit boten kaum Ansatzpunkte für die Etablierung von Herrschaften und Hierarchien; man war „gleichsam unmittelbarer Teil des Ganzen; begegnete sich in voller Präsenz und Körper‧größe, wie man es eben unter seinesgleichen tut; nicht vermindert durch all die Relativierungen und Vermittlungen, die notwendig werden, sobald man sich in größeren Verbänden ‚aufgehoben‘ und oft auch verloren findet“.

Wie die Griechen diesen Kern ihres Daseins, das Widerstreben gegen die Gründung von starker und dauerhafter Herrschaft, durch alle Phasen der Verdichtung, der Krisen und Konflikte behaupteten, wie sie dabei ihre Vereinzelung überwanden, ihre Tyrannen zu einer vorübergehenden Erscheinung schrumpfen ließen und wahrhaft Bürger werden konnten, in dem „anspruchsvollen und zugleich strapaziösen Sinn, den das Wort unter den Griechen annehmen sollte“, das wird hier auf höchstem Reflexionsniveau und in einer präzisen, jeden Fachjargon vermeidenden Sprache entwickelt.

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Den welthistorischen Zusammenhang, auf den Meier nicht verzichten kann, stiftet am Ende ein zufälliges, aber nicht unwahrscheinliches Zusammentreffen: Als der Perserkönig vom Alten Orient aus die eine Welt zu schaffen sich anschickte, machte er den Griechen dadurch schlagartig klar, wie sehr die Selbstbestimmung den Kern ihrer Existenz darstellte und damit zum Lohn des Sich-Behauptens werden konnte. Die Entscheidung, die es den Polis-Bürgern erlaubte, noch viel intensiver als zuvor mit ihren Gemeinwesen identisch zu sein, fiel bei Salamis – nicht zufällig hat Meier zuvor sein großes Athen-Buch (1993) just mit dieser Schlacht eröffnet und sie als Nadelöhr der Weltgeschichte bezeichnet.

Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter

Meier, Christian
Kultur, um der Freiheit willen – Griechische Anfänge – Anfang Europas
Siedler Verlag, München 2009, 368 Seiten, Buchpreis € 22,95
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